Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Ausreise Wolfgang Reinicke I ch hatte mich schon schlafen gelegt, als meineMutter noch einmal in mein Zimmer kam. Sie sagte mir, dass mein Vater nicht zurück- kommen werde. Im Anschluss an seine „Westreise“, die ihm aus Anlass eines runden Geburtstags seines Onkels genehmigt worden war, werde er „drüben“ in der Bundesrepublik bleiben. Das war Mitte September 1987. Wir weinten beide, da wir nicht wussten, ob und, wenn ja, wann und unter welchen Bedingungen wir ihn wiedersehen würden. Ich war gerade 13 geworden und der Einzige in der Familie, den meine Eltern über dieses Vorhaben nicht informiert hatten. Meine beiden älteren Geschwister hatten sie ins Vertrauen gezogen. Mich traf diese Zurücksetzung fast härter als die Nachricht selbst, denn insgeheim hatte auch ich darauf gehofft, dass es so käme. Ich wünschte mir, dass sich die Dinge in meinem Leben veränder- ten. Und das taten sie. Sofort. Plötzlich gab es strengste Anweisun- gen: kein Wort, zu niemandem. Einfach tun, als wenn nichts wäre. Das klappte auch ganz gut, bis mich mein bester Freund direkt darauf ansprach, dass es ohnehin schon alle wüssten. Auch das war ein eigenartiges Gefühl: so tun als ob und doch niemandem etwas weismachen können. Wir lebten in Jena, meineMutter war Klavierlehrerin an der Volks- kunstschule, mein Vater Oberarzt am städtischen Krankenhaus. Die Motivation zur „Republikflucht“, wie die unerlaubte Ausreise aus der DDR in das „nichtsozialistische Ausland“ von den Behörden genannt wurde, resultierte für meinen Vater aus den politischen Zuständen im Osten: Es gab keineMeinungsfreiheit, offene Kritik am Staat wurde nicht geduldet, Beförderungen waren statt an das Leistungsprinzip eng an dieMitgliedschaft in der SED, der Sozialistischen Einheitspar- tei Deutschlands, geknüpft. Ohne Kontakte zu Kollegen imWesten war die wissenschaftliche Karriere meines Vaters blockiert. Trotz per- sönlicher Einladung und Kostenübernahme wurde ihm der Besuch medizinischer Kongresse imWesten nicht genehmigt. Meine Mutter war nun vollkommen auf sich allein gestellt und ver- antwortlich für ihre drei heranwachsenden Kinder. Mit ungeheurer Energie und stärkster Willenskraft nahm sie diese Herausforde- rung an. Mehrfach wurde sie von Polizei, Staatssicherheit und am Arbeitsplatz verhört und befragt. Über die dabei erlittenen Schi- kanen habe ich nur wenig erfahren. Um sich nicht dem Vorwurf Blick auf die original erhalten gebliebenen Grenzanlagen in der deutsch-deutschen Gedenkstätte Mödlareuth. Die Fundamente des Freistaates Bayern 50

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