Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Die Arbeit imHaus der Bayerischen Geschichte ist aktuell geprägt von dem großen Projekt „Museum der Bayerischen Geschichte“ in Regensburg. Wie Bayern Freistaat wurde und was ihn so besonders macht ist, kurz und bündig, die wesentliche Fragestel- lung. Dazu zählen im weitesten Sinn des Wortes kulturelle Phä- nomene, darunter Klischees, mit denen sich viele Bayern selbst wohl am allerwenigsten identifizieren. Nicht alles löst sich bei kritischem Hinterfragen allerdings in Schall und Rauch auf. Vieles bleibt bestehen. Auch wenn gerade das Echte im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr wirklich festzustehen scheint − wie die bayerischen Dialekte, die Landschaften oder die Baudenkmäler. Heute könnte die Innen- und Eigensicht, die bayerische Interpreta- tion oft genug als Trugbild, als besonders bayerisch erscheinen. Was macht Bayern also aus? Dieser Frage gehen wir nicht nur in unserem neuen Museum, sondern auch in der „Edition Bayern“ seit Längerem nach. In der vorliegenden Ausgabe geht es pünkt- lich zum Jubiläum um den Freistaat, 1918 von Kurt Eisner von der abgespaltenen USPD erfunden, dann schnell versenkt, 1945 von Wilhelm Hoegner von der SPD wieder aufgenommen und seit- dem als Leitbegriff für die besondere bis eigenständige staatliche Stellung Bayerns in der Bundesrepublik von den CSU-Minister- präsidenten zum Programm erhoben: nicht selten widerspenstig, letztlich aber ohne wirkliche rechtliche Relevanz, weil allen ande- ren Bundesländern gleichgestellt; aber irgendwie halt auch nicht. Genau um dieses „irgendwie“ geht es uns. Schon kurz nach Kriegsende ging man in Bayern daran, eine eigene Verfassung zu entwerfen, so schnell wie möglich, nicht den Fehler vonWeimar wiederholen und zu spät kommen. „Ange- sichts des Trümmerfeldes“, wie es in der Präambel heißt, gab sich Bayern mit dem Segen der amerikanischen Militärregierung seine eigene Verfassung. Die Betonung des Föderalismus spiegelt sich auch im Verfassungskonvent von Herrenchiemsee im Jahr 1948 wider, auf dem bayerische Beamte und Politiker eine wichtige Rol- le spielten. Knapp zwei Wochen tagten dort die Abgesandten der westdeutschen Länder und Berlins. Am Ende stand eine wichti- ge Beratungsgrundlage für das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das vom Bayerischen Landtag im Jahr 1949 dann zwar abgelehnt, aber dennoch als verbindlich akzeptiert wurde, weil vielen der Föderalismus nicht weit genug ging und einige eher bayerische Eigenstaatlichkeit gemeint hatten. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Verfassungskonvents hatte das Haus der Bayerischen Geschichte 1998 am originalen Schauplatz im Alten Schloss Herrenchiemsee die Dauerausstel- lung „Stationen deutscher Nachkriegsgeschichte: Verfassungs- konvent Herrenchiemsee 1948“ eingerichtet und damit einen authentischen Erinnerungsort geschaffen. Begleitend dazu erschien die Publikation „Auf dem Weg zum Grundgesetz“, die über diesen Symbolort des bundesdeutschen Föderalismus infor- mierte. Die 70-jährige Wiederkehr des Verfassungskonvents Her- renchiemsee im Jahr 2018 liefert nun zusammen mit demMuseum der Bayerischen Geschichte den Anlass für ein neues Themenheft in der Reihe „Edition Bayern“. Darin gehen wir zeitlich weiter als in der Vorgängerpublikation, beleuchten nicht nur die verfassungs- geschichtlich relevanten Ereignisse der unmittelbaren Nachkriegs- zeit, sondern auch die weitere Entwicklung bis heute. Die lange Vorgeschichte wird Sache des neuen Museums sein, das in gro- ßen Inszenierungen Konstitution und Verfassung von 1808 und 1818 präsentieren wird. Die bayerischen Könige ließen sich nicht krönen, sondern schworen stattdessen auf diese Verfassung, eine einmalige Geste im Europa des 19. Jahrhunderts. Die Verfassung sollte einend wirken für Alt- und Neubayern. Daran knüpften die Verfasser der Bayerischen Verfassung von 1946 an. Diese beson- ders schöne und zukunftsträchtige Tradition des Verfassungsstaa- tes, an die die wenigsten beim Stichwort Bayern denken werden, beleuchten die Autorinnen und Autoren unseres vorliegenden Bandes, die teilweise ihre eigenen Forschungsergebnisse erst- mals für eine größere Öffentlichkeit zusammenfassen, teilweise vergessene, aber trotzdem wichtige Aspekte wieder ans Tages- licht befördern oder ihre eigenen Erfahrungen mit dem Freistaat gleichsam als Zeitzeugen schildern. Hinzu kommen Exponate aus und für unser neues Museum, die besonders für diesen Freistaat und seine historischen Rahmenbedingungen stehen. Allen, die an unserer Edition und damit auch am neuen Museum mitgearbeitet haben, danke ich herzlich für ihr großes Engagement . Dr. Richard Loibl Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte Zur Einführung 3 Editorial

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