Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Aufmucken – Protest in Bayern Ute Hasenöhrl E s ist der 4. Februar 1985: Die „Deutsche Gesellschaft für Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen“ (DWK) entschei- det sich nach jahrelangem politischem Tauziehen zwischen Niedersachsen und Bayern für die oberpfälzische Gemeinde Wackersdorf als Standort der ersten atomaren Wiederaufarbei- tungsanlage (WAA) der Bundesrepublik. Ministerpräsident Franz Josef Strauß erwartete angesichts des ländlichen Charak- ters der Gegend eine ebenso rasche wie ungestörte Realisierung des Projekts – eine kolossale Fehleinschätzung, entwickelte sich „Wackersdorf“ doch zum wohl bekanntesten Fall bürgerschaft­ lichen Protests im Bayern der Nachkriegszeit. Auf beiden Seiten kochten die Gemüter hoch: Im Dezember 1985 wurden Hüttendörfer im Taxölderner Forst errichtet – die erste Bauplatzbesetzung einer atomaren Anlage im Freistaat – und bald darauf von der Polizei dem Erdboden gleichgemacht. Großdemonstrationen und Rockfestivals gegen die WAA zogen über 100 000 Teilnehmer aus Deutschland und Österreich an, unter ihnen auch gewaltbereite Kernkraftgegner der autonomen Szene. Die Situation eskalierte. Bei den so genannten Oster- und Pfingstschlachten 1986 kam es zu heftigen Konfrontationen zwi- schen Demonstranten und Polizei, bei denen Hunderte Menschen verletzt und verhaftet wurden. Erstmals bei einer Anti-Atomkraft-demonstration in Deutschland waren im Zusammenhang mit dem Einsatz von CS-Gas auch Todesopfer zu beklagen. Autonome, die von oberpfälzischen Bauern und Hausfrauen mit Steinen aus- gestattet wurden, versuchten den Bauzaun zu durchbrechen und der „Spiegel“ (21. 7. 1986) titelte melodramatisch: „Aufrüstung für den Bürgerkrieg“. Der Großteil der Atomkraftgegner grenzte sich von Gewalt- taten freilich entschieden ab. Der Protestalltag wurde von Einwendungen, Resolutionen, Behördenbriefen, Artikeln, Flugblättern, Ausstellungen, Vorträgen und Unterschriften- sammlungen bestimmt, hinzu kamen symbolische Aktionen wie Waldspaziergänge, Mahnfasten oder Die-ins. Die Opposition gegen die WAA war gesellschaftlich breit verankert. Lokale Bürgerinitiativen, Müttergruppen, Naturschutzvereine und Kom- munalpolitiker waren ihre wesentlichen Protagonisten. Weiteren Zulauf erhielten die Atomkraftgegner mit dem Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986. Zum Erörterungstermin für die zweite Teilerrichtungsgenehmigung im Jahr 1988 gingen so rund 881000 Einsprüche aus dem In- und Ausland beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof ein. Angesichts der zuneh- mend atomkritischen Stimmung in der Bevölkerung zogen sich die Unternehmen Siemens und VEBA aus dem Projekt zurück, am 31. Mai 1989 stellte der Betreiber den Bau der Anlage ein – eine Entscheidung, die allerdings auch von finanziellen Selbstbewusst! Eigen! Widerspenstig! – Die Rolle Bayerns im Bund 112

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