Previous Page  4 / 92 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 4 / 92 Next Page
Page Background

EDITION BAYERN – WARUM REGION NICHT GLEICH PROVINZ IST

GRUNDSÄTZLICHES ZU EINER NEUEN REIHE DES HAUSES DER BAYERISCHEN GESCHICHTE

Im Sommer 2007 begann das Haus der Bayerischen Geschichte im Auftrag des Bayerischen Landtags, sich mit einer neuen Reihe

von Ausstellungen und Veröffentlichungen zu den bayerischen Regionen zu beschäftigen. Die Reihen BAYERN-AUSSTELLUNG

und EDITION BAYERN wurden geboren. Freilich stießen wir nicht nur auf ungeteilte Begeisterung. Musste das sein, sich unterhalb

der Landesebene mit der „Provinz“ auseinanderzusetzen, noch dazu im Zeitalter der Globalisierung? Region sei im globalen

Zeitalter doch nun wirklich„out“.

DER WICHTIGE BEITRAG DER

REGIONEN ZUR GLOBALISIERUNG

Das fanden wir nicht. Als Historiker wissen

wir von der Gleichzeitigkeit des Ungleich­

zeitigen oder in soziologischer Definition

von der simultanen Universalisierung

des Partikularen und Partikularisierung

des Universalen (Roland Robertson). Das

bedeutet, dass die Globalisierung zur

Vorherrschaft der Massenkultur auf Kos­

ten der traditionellen Vielfalt führt, dass

dadurch aber auch eine Art Protestkultur

für die Verteidigung regionaler Eigenart

entsteht („Glokalisierung“).

Globale Tendenzen werden immer lokal

wirksam und führen zur Vermischung kre­

ativ angeeigneter neuer Kulturelemente

mit vorhandenen. Ein konkretes Beispiel

hierfür wäre die Biermösl Blosn, die in

„Plattln in Umtata“ afrikanisch-bayerische

Begegnungen schildert, die musikalischen

Traditionen verwebt und damit weltweit

auf YouTube abrufbar ist. Dementspre­

chend sind sich Soziologen und Zukunfts­

forscher einig, dass die Regionen und ihre

lokalen Traditionen auch im Zeitalter der

Globalisierung von Bedeutung bleiben.

DIE MENSCHEN WAREN UM 1900

NICHT WENIGER MOBIL ALS HEUTE

Und wer noch eines weiteren Beweises

bedarf, der sei auf die Statistik verwiesen:

Die Süddeutsche Zeitung berichtete im

Juli 2008 unter der Schlagzeile„Heimat

existiert“ mit Verweis auf das Internet­

portal

„meinestadt.de“

, dass 54,7 Prozent

der Bundesbürger noch immer an ihrem

Geburtsort oder zumindest in einer Nach­

bargemeinde leben. Die Schlussfolgerung,

dass die Globalisierung nur ein„Gekräusel

an der Oberfläche“ sei, die nur einen Teil

der Menschen aktiv betreffe, ist nicht

leicht von der Hand zu weisen.

Noch interessanter wird diese Überle­

gung, wenn man die historische Dimen­

sion einbezieht und sich fragt, ob sich

in den letzten 100 Jahren hinsichtlich

Wanderungsbewegungen viel verändert

hat. Die Antwort lässt sich leicht beschaf­

fen: 1907 lebten noch genauso viele Men­

schen an ihrem Geburtsort wie 100 Jahre

später. Andersherum gesagt waren unsere

Vorfahren um die Jahrhundertwende ähn­

lich mobil wie wir heute.

Und wer die Amerika-Auswanderung

vor Augen hat, wird auch kaum behaup­

ten, dass statistisch gesehen die Inter­

nationalität der Wanderungsbewegung

überproportional zugenommen hat.

Zugegeben: Die Qualität ist eine andere

geworden, Bayern ist heute Zuwande­

rungsland und die Führungsschichten

sind stärker internationalisiert. Für die

Mehrheit der Bevölkerung ist Heimatstadt

und -region aber noch immer eine feste

Größe. Warum sollte sie ihre regionalen

Traditionen über Bord werfen?

DIALEKT UND PROTESTKULTUR

Hier scheint sich aber, glaubt man den

Medien, schon eine Gegenbewegung

abzuzeichnen, insbesondere beim Dialekt.

Über Jahrzehnte gescholten, wird er

heute wieder geschätzt, vor allem im

Norden der Bundesrepublik, wo er schon

fast verschwunden war. Das Zeit-Magazin

berichtete hierüber im Juni 2008: „Ganz

Deutschland ist vom Hochdeutsch be­

herrscht … Ganz Deutschland? Nein!“ (frei

nach Uderzo/Goscinny) und„Jede Provinz

liebt ihren Dialekt, denn er ist doch das

eigentliche Element, in welchem die Seele

Atem schöpft.“ (ebenso frei nach Goethe).

Bayern hat hier aufgrund des Beharrungs­

vermögens seiner Pädagogen noch den

größten Nachholbedarf, insbesondere was

den Großraum München betrifft. In den

Regionen wird dagegen noch viel frän­

kisch, schwäbisch und bayerisch geredet.

Sie sind also auch, was die Sprache betrifft,

nicht Provinz, sondern Vorreiter der He­

terogenisierung, ohne die die Globalisie­

rung, wie wir jetzt wissen, nicht geht.

Die bayerischen Regionen sind wichtig

und dem Haus der Bayerischen Geschich­

te eine eigene Schriftenreihe wert. Den

13. Band dieser EDITION BAYERN haben

Sie, liebe Leserin oder lieber Leser, gerade

erworben. Bevor wir Sie zur Lektüre dieses

Heftes entlassen, möchten wir Ihnen sa­

gen, was wir unter Region verstehen und

welche Ziele wir mit unserer Schriftenrei­

he verfolgen.

WAS IST EINE REGION?

Der Freistaat Bayern ist stolz auf seine

lange Geschichte und seine Eigenstaat­

lichkeit, auch wenn wir nicht mehr Rechte

haben als die anderen deutschen Bun­

desländer, uns aber mehr herausnehmen.

Bayern hat sogar eine eigene Verfassung,

die älter als das deutsche Grundgesetz ist.

Darin ist von der mehr als tausendjährigen

Geschichte des bayerischen Volkes die

Rede. Das hat Ärger gegeben, weil sich

die lange gemeinsame staatliche Tradition

2

EDITORIAL