Seite 85 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ARBEI TERLEBEN
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DIE WELT DER ARBEITERINNEN – DIE FAMILIE
IN DER INDUSTRIALISIERUNG
Zwischen den Lebensbedingungen der Arbeiter- und der Bür-
gerfamilien lagen Welten. Zu spüren bekamen das vor allem
die Frauen: Während die Aufgabe der bürgerlichen Frau sich
im Wesentlichen auf Kindererziehung und Haushaltsfüh-
rung beschränkte, kam für Frauen aus den unterbürgerlichen
Schichten zu diesen Pflichten die Lohnarbeit hinzu. Dabei war
die schlecht bezahlte Heimarbeit, die sich regional sehr unter-
schiedlich gestaltete – von der Fertigung von Stroh- und Korb-
waren sowie Spielzeug bis hin zur Textilarbeit – eine Alternative
zur Fabrik, die sich zudem mit der Aufsicht der Kinder verbin-
den ließ. Seit der Erfindung der Nähmaschine in der zweiten
Hälfte des 19. Jahrhunderts fertigten viele Frauen im Akkord
Einzelteile wie Ärmel oder Hosenbeine für die Massenkonfek-
tion. Während es bei der Heimarbeit, im bäuerlichen oder im
Handwerksbetrieb keine räumliche Trennung zwischen Woh-
nung und Produktionsstätte gab, brachte die Arbeit in der oft
weiter entfernt gelegenen Fabrik große Belastungen für die
Familie.
Der Alltag der Arbeiterfrauen war geprägt von langen Arbeits-
zeiten – sechs Arbeitstage pro Woche mit 12- bis 14-stündiger
Arbeitszeit waren durchaus nicht ungewöhnlich. Wohnungs-
not und Ernährungsmangel kamen hinzu, der weit verbreitete
Alkoholmissbrauch schuf zusätzliche Probleme. Die Fassade,
die die gepflegte, ausgeruhte Bürgersfrau bot, musste der abge-
kämpften und vor der Zeit gealterten Arbeiterfrau als reines
Paradies erscheinen. Auch Kinderarbeit war in den industri-
ellen Produktionsstätten – wie allerdings auch im bäuerlichen
und handwerklichen Bereich – die Regel und wurde erst nach
und nach durch gesetzgeberische Maßnahmen normiert und
eingeschränkt.
Belegschaft der Gießerei der Maschinenfabrik Nürnberg mit Lehrlingen,
Fotografie um 1900
Arbeiterleben – „Wir sind ja doch
immer das Geringste auf Erden“
Barbara Kink