Seite 65 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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120 JAHRE TELEFON IN KULMBACH
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Alle Gespräche mussten nach wie vor durch die Vermittlungs-
beamten imUmschaltebureau vonHand verbunden, „gestöpselt“,
werden. Den Strom für das Mikrofon lieferten so genannte orts-
ständige Batterien (OB-Betrieb), das heißt Elemente, die neben
dem Fernsprecher oder im Fernsprechgehäuse stationiert waren.
Eine entscheidende technische Neuerung wurde 1903 in Neu-
stadt (Hardt) mit dem ersten Zentralbatterieamt (ZB-Betrieb)
in Deutschland eingeführt. Von einer einzigen leistungsstarken
Batterie in der Vermittlungsstelle wurde der Betriebsstrom für
alle Teilnehmer geliefert; somit war die Sprechstrombatterie am
Teilnehmerapparat ebenso überflüssig wie der Kurbelinduktor.
1909 schließlich wurde in München-Schwabing im ZB-Wähl-
amt eine automatische Telefonanlage eingerichtet. Nun konnte
sich jeder Teilnehmer selbst mittels der Wählscheibe an seinem
Fernsprechapparat – deren korrekte Bezeichnung „Fingerloch-
scheibe des Nummernschalters“ lautet – durch Anwählen der
Rufnummer des Gesprächspartners verbinden.
Am 1. April 1920 verlor Bayern seine Reservatrechte und damit
seine Selbstständigkeit im Post- und Telefonwesen. In Mün-
chen schuf man eine eigene Abteilung VI des Reichspostminis-
teriums. Von hier kam der bedeutendste Beitrag Bayerns zur
Fernmeldetechnik: Am 16. Mai 1923 ging das erste automatische
Fernamt der Welt in Weilheim in Betrieb. Eigens für die Netz-
gruppe Weilheim wurde ein Tischfernsprecher, der ZB SA 25,
entwickelt, den man aufgrund seiner Form auch als „Kuhfuß“
oder „Pferdefuß“ bezeichnete. 1934/35 wurde die Abteilung VI
des Reichspostministeriums aufgelöst. Die bayerische Eigen-
ständigkeit erlosch vollständig.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs baute die Deutsche Bun-
despost nach den kriegsbedingten Zerstörungen einen hochwer-
tigen Fernsprechdienst neu auf. Der Kunde konnte und kann
zwischen einer Vielzahl verschiedener Designs und technischer
Ausstattungen wählen. Mit der Privatisierung der Deutschen
Bundespost 1995 zog sich der Staat aus dem Telefonwesen zu-
rück, Schlagworte wie Wettbewerb, digitales Zeitalter, Internet
und Handy-Generation dominieren nun die Szene.
In neue Zeiten weist das Modell Schwabing der Münchner Firma Alois Zettler. Die-
ser Selbstanschlussfernsprecher funktionierte im so genannten SA-Betrieb. Beim
„Kuhfuß“ (rechts) handelt es sich dann um ein modernes Tischtelefon für Selbst-
anschlussbetrieb.
Auf der Fotografie aus dem Jahr 1926 ist das moderne
Telefon – wohl ein bayerischer SA 19-Tischapparat –
zu sehen, das die Münchner Rechtsanwaltsfamilie
Siegel in ihrer Wohnung in der Possartstraße zur
Verfügung hatte.