Seite 57 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
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straße zugewandt. Im Zentrum lokalisierte man im Eingangs-
bereich mit Verwaltung und Restauration die gemeinschaftlich
genutzten Funktionen. Optisch ragten das Kühlhaus sowie das
Maschinen- und Kesselhaus mit Kühlturm und Dampfkamin
heraus. Westlich von dieser Achse lag der Viehhof, östlich der
Schlachthof. Hier befand sich auch der Anschluss an die Lokal-
bahn, die seit 1889 das Augsburger Industriegebiet mit dem
Hauptbahnhof verband. Von dieser großartigen Anlage haben
sich nur Teile erhalten. So gibt die Kälberhalle, wie heute die
frühere Verkaufshalle für Großvieh genannt wird, noch einen
Eindruck von der Weiträumigkeit der Hallen und ihrer tech-
nisch perfekten sowie im Detail manchmal sogar kunstvollen
Ausgestaltung. Erhalten hat sich außerdem die Restauration,
mittlerweile wieder in Betrieb, wenngleich die Metzger als Kun-
den fehlen. Als sie das Lokal noch frequentierten, war es gleich-
sam zweigeteilt: In der einen Hälfte hörte man Oberbayerisch,
in der anderen Schwäbisch; in manchen Ecken auch Dialekte
aus entfernteren bayerischen Landesteilen. Das waren dann die
angehenden Metzgermeister, die in der nahen Fleischereifach-
schule, die in ganz Bayern größtes Renommee besaß, ihrer Meis-
terprüfung zustrebten.
Diese Schule ist eine der Kontinuitätslinien, die von der alten
Industriestadt Augsburg in die moderne Schwabenmetropole
führen. Es sind insgesamt mehr als man glauben würde. In der
Metallverarbeitung ist Augsburg vor allem dank MAN noch
immer eineMacht. Neue Bereiche in der Elektro- und Computer-
technik sind dazukommen. Dadurch ist Augsburg eine Industrie-
stadt geblieben, auch wenn sich die Dienstleistung, vor allem
durch die Universität, stark positioniert hat. Verabschiedet hat
sich nur die Leitindustrie, und auch sie keineswegs ohne starke
Traditionskerne zu hinterlassen, die von Nähgarn aus Göggin-
gen bis zu VILEDA reichen und zum Staatlichen Textil- und
Industriemuseum (tim) führen.
Dieser Aufsatz stellt eine erweiterte Fassung der Beiträge von Richard Loibl
dar, in: Kraus, Werner (Hg.): Schauplätze der Industriekultur in Bayern,
Regensburg 2006.
Literatur
Vetter, August: Führer durch Augsburg, o.J. (um 1900); Steinhäußer, Fritz:
Augsburg in kunstgeschichtlicher, baulicher und hygienischer Beziehung.
Festschrift den Teilnehmern an der 15. Wander-Versammlung des Ver-
bandes Deutscher Architekten- und Ingenieur-Vereine gewidmet von der
Stadt Augsburg, Augsburg 1902; Amtlicher Führer Augsburg, o. J. (um
1920); Führer durch Augsburgs Industrie und Handel, hg. vom Verkehrs-
verein Augsburg, 1925; Fischer, Ilse: Industrialisierung, sozialer Konflikt
und politische Willensbildung in der Stadtgemeinde. Ein Beitrag zur Sozi-
algeschichte Augsburgs 1840–1914, Augsburg 1977 (Abhandlungen zur
Geschichte der Stadt Augsburg 24); Genzmer, Werner: Augsburger Kamm-
garn-Spinnerei, Augsburg 1936; Loibl, Richard: Die Anfänge der Textilin-
dustrie in Bayern, in: ders., Das neue Bayerische Textil- und Industriemuse-
um, Augsburg 2005; Plößl, Elisabeth: Augsburg auf demWeg ins Industrie-
zeitalter, München 1985 (Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur 1)