Seite 52 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
AKS: Dampfmaschinenhaus, Krempelei, Innenausstattung des Büro-
gebäudes
die Tore nur zu Arbeitsbeginn, Mittagspause und Arbeitsende
öffnete. Jeder, der nicht oder zu spät kam, wurde registriert,
ihm drohte in jedem Fall Lohnabzug. In der Fabrik herrschte
Disziplin, die die Fabrikordnung mit einfachen Regeln unter
Strafandrohung vermittelte. Neu eingestellte Arbeitskräfte er-
hielten ein Exemplar, das sie vor Arbeitsantritt zu studieren
hatten. Die Arbeit war entsprechend dem Fertigungsprozess
in Einzelschritte rational aufgeteilt: Rohstofflager, Wollsortie-
rung, Wollwäsche, Krempelei, Kämmerei, Vorspinnerei, Fein-
spinnerei, Zwirnerei, Färberei. Jeder hatte eine feste Aufgabe,
einen bestimmten Arbeitsschritt zu vollführen: In der Spinnerei
gab es beispielsweise Aufstecker, die die Vorgarnspulen auf die
Selfaktorspindeln aufsteckten, und Spinner, Meister, Obermeis-
ter, Saalmeister, zugleich ein hierarchisches System mit Auf-
stiegschancen, die zusätzlich motivierten. Der Aufstieg in die
Führungspositionen, die allein den Überblick über alle Produk-
tionsschritte besaßen, blieb den Arbeitern jedoch in der Regel
versperrt, Frauen waren, wie erwähnt, ohnehin chancenlos.
Die einzelnen Fertigungsschritte wurden bestimmten Gebäude-
teilen zugewiesen, wobei man bemüht war, sie entsprechend
dem Herstellungsgang anzuordnen, um weite Wege und damit
verlorene Arbeitszeit zu vermeiden. Dagegen sperrte sich frei-
lich die gewachsene Fabrikanlage. Sie spiegelt in ihren Teilen
unterschiedliche Bauabschnitte und damit verschiedene Vor-
stellungen von Arbeitsorganisation und Rationalisierung wider.
In der Frühzeit der Textilindustrie schwor man beispielsweise
auf mehrgeschossige Fabrikbauten, in denen die verschiedenen
Arbeitsschritte in bestimmten Geschossen ausgeführt wurden.
Je weiter das Produkt nach oben rückte, umso näher kam es
seiner Fertigstellung. Die Spinnereien behielten dieses Prinzip
häufig bei, während man in den Webereien aufgrund der größer
und schwerer werdenden Maschinen auf eingeschossige Sheds
überging. Das waren großräumige Hallen mit aneinandergereih-
ten einhüftigen Satteldächern, deren steilere und nach Norden
ausgerichtete Flächen verglast waren. Sie boten bestes Tageslicht
ohne direkte Sonneneinstrahlung und unterstützten durch ihre
bauliche Anlage das Bemühen um die für die Textilherstellung
idealen Klimawerte.
In der AKS bewährten sie sich so gut, dass man ab etwa 1870
selbst für die Spinnerei nur mehr Sheds errichtete. Aus demMeer
großflächiger, vom Glas der Fenster blau schimmernder Hallen
ragten diejenigen Gebäude empor, die eine besondere Bedeutung
besaßen. Das waren zunächst alle, die mit Energiegewinnung zu
tun hatten. Mitten durch die Anlage verlief der Schäfflerbach,
dem die Turbinen ursprünglich das Gros der benötigten Energie
abgewannen. Freilich war Wasserkraft problematisch, da sie sich
nicht immer bändigen ließ. Es gab Zeiten mit Hoch- und Zeiten
mit Niedrigwasser. Dann versagten die Turbinen, sodass die von
ihnen über Transmissionen betriebenen Maschinen stillstan-
den. In solchen Notsituationen sprang die Dampfmaschine ein,