Seite 15 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
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Offizielle Postkarte der „II. Kraft- und Arbeitsmaschinenaus-
stellung“ in München 1898, Blick auf den Zentralbau
Postkarte der „Bayerischen Jubiläumslandesausstel-
lung“ in Nürnberg 1906 anlässlich des 100-jährigen
Bestehens des Königreichs Bayern
starkes Bayern hoffen konnte, seine Eigenständigkeit zu wahren,
wollte man nun den wirtschaftlichen Entwicklungsrückstand
beschleunigt aufholen. Auch das Bürgertum sah die Notwendig-
keit von Reformen ein, sodass der Weg zu einer grundlegenden
Modernisierung der Gewerbe- und Sozialordnung frei wurde.
Die Maßnahmen kamen jedoch zu spät und konnten nicht ver-
hindern, dass Bayern in das preußisch dominierte Kaiserreich
eingegliedert wurde. Damit entfiel für Bayern der Zwang, sich
gegen einen mächtigen Konkurrenten behaupten zu müssen und
so konnte sich die Staatsführung auf ihre sozial- und innen-
politischen Ziele konzentrieren. Nun rangierte die Konservie-
rung der bestehenden Staatsform und Gesellschaftsordnung
wieder ganz oben. Da diese vor allem durch den Sozialismus und
Kommunismus bedroht schienen, bildete der Kampf gegen die-
se Kräfte bei gleichzeitiger Förderung des Mittelstands bis zum
Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Leitlinie der Politik.
Immerhin billigte man dabei auch der Industrie eine Existenz-
berechtigung zu. Sie sollte jenem Teil der nun auch in Bayern
rascher wachsenden Bevölkerung Brot und Arbeit geben, der in
Landwirtschaft und Gewerbe kein Auskommen fand. Statt wie
bisher auszuwandern, sollten diese Menschen in Fabriken arbei-
ten und so ihren Teil zum Wachstum der Nationalökonomie
beitragen. Die Arbeitsplätze in der Industrie sollten jedoch nicht
so attraktiv sein, dass die Arbeitskräfte aus Landwirtschaft und
Handwerk dorthin abwanderten, denn das hätte hier zu Arbeits-
kräftemangel und einem Anstieg der Lohnkosten geführt und
damit dem Mittelstand geschadet. Um die Landflucht zu brem-
sen, trieb die Staatsführung zudem die Erschließung des Landes
mittels der Eisenbahn voran. So sollte die Attraktivität der mitt-
leren und kleinen Zentren gesteigert werden und man hoffte, die
Menschen davon abzuhalten, in die großen Städte abzuwandern
und dort das gefürchtete Proletariat zu verstärken. Der Effekt
dieser Maßnahmen war aber gering.
Ab der Mitte der 1880er-Jahre gewann die wirtschaftliche Ent-
wicklung Bayerns deutlich an Dynamik. Vor allem seine Indus-
trie profitierte vom Aufschwung der deutschen Wirtschaft, der
mit der zweiten Industrialisierungswelle einherging. Bayerns
Industrie wurde von Anfang an von zwei Faktoren geprägt: dem
Mangel an Rohstoffen, insbesondere an Kohle, und der Markt-
ferne. Viele Rohstoffe mussten über weite Entfernungen impor-
tiert werden, was sie erheblich verteuerte, und ein beträchtlicher
Teil der Industrieprodukte musste exportiert werden, wobei
wiederum hohe Transportkosten anfielen. Denn seit Gründung
des Deutschen Zollvereins 1834 lag Bayern an der Peripherie des
gemeinsamen deutschen Wirtschaftsraums, dem Österreich, bis
dahin ein wichtiger Handelspartner, nicht mehr angehörte.
Deshalb hat sich Bayerns Industrie auf Produkte spezialisiert,
bei denen die Materialkosten deutlich geringer waren als die
Arbeitskosten. Dazu gehörten feinmechanische und optische
Instrumente und Geräte, Maschinen und Apparate, aber auch
hochwertige Erzeugnisse der Glas- und Porzellanindustrie.
Man brachte Rohstoffe auf eine hohe Veredelungsstufe, und dies