Seite 127 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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werk Langweid Kaplanrohrturbinen eingebaut. Bei dieser Bau-
art sitzen Turbine und Generator in einer gekapselten Einheit
direkt im Wasserlauf. Turbinenkammern sind ja üblicherweise
von tosendem Wasser durchflossen und damit den Blicken ent-
zogen. In Langweid präsentiert man Besuchern des Werks eine
der trockengelegten VOITH-Francisturbinen von 1956. Ein
Besuch in dem aufgeschnittenen Schacht erschließt auch dem
unbedarften Betrachter, dass erst die präzise, strömungsgüns-
tige Wasserführung in den mächtigen Rohren das Laufrad im
Inneren einer Turbinenanlage in effektive Drehung versetzt. Seit
2008 lockt außerdem das Lechmuseum Bayern Besucher nach
Langweid. 700 Quadratmeter Ausstellung im Kraftwerksgebäu-
de sind dem Fluss Lech, dem System der Stromerzeugung und
natürlich der Geschichte des Kraftwerks gewidmet. Kindergrup-
pen erhalten ein auf sie zugeschnittenes Programm. Im Außen-
bereich erinnert ein nachgebautes Lechfloß an die Nutzung des
Flusses als Transportweg.
www.lechmuseum.de
Liebhaber moderner Industriearchitektur haben in Kempten im
Allgäu ein neues Besuchsziel. Mitten im Areal der historischen
Spinnerei und Weberei, das sich im Stadtteil St. Mang westlich
und östlich der Iller erstreckt, überrascht seit 2010 das eigen-
willig geformte
Wasserkraftwerk Keselstraße
. 2011 erhielt das
Bauwerk mehrere Auszeichnungen, so den deutschen „Architek-
turpreis Beton“. Die Anforderung, ein hocheffizientes Wasser-
kraftwerk sowohl in den Naturraum der Iller als auch in die
denkmalgeschützte Industriearchitektur einzufügen, löste das
Kemptener Architekturbüro Becker mit einer organischen
Formgebung, die an abgeschliffene Felsen erinnert. Der filigrane
Kabelsteg der alten Industrieanlage, er ist gleichzeitig eine Fuß-
gängerbrücke, wurde geschickt in das Bauwerk integriert. Das
kleine Kraftwerk liefert Strom für etwa 3000 Haushalte. Ein neu
angelegter Fuß- und Radweg parallel zur Iller ermöglicht jeder-
zeit, das 100 Meter lange Kraftwerk in Augenschein zu nehmen.
Nachts wird es effektvoll beleuchtet. Besichtigungen im Inne-
ren sind nach Voranmeldung möglich. Wenige Meter südlich
des Areals überspannen unmittelbar nebeneinander drei histo-
rische Brücken die Iller. Alle drei wurden ursprünglich für die
Eisenbahn errichtet. Die Holzfachwerkbrücke der Ludwig-Süd-
Nord-Bahn, 1847 bis 1852 gebaut, wird heute ausschließlich von
Fußgängern und Radfahrern genutzt. Von den beiden 1905 fer-
tig gestellten Bogenbrücken aus Stampfbeton – sie gehörten zu
einem heute nicht mehr bestehenden Gleisdreieck – dient heute
eine dem Autoverkehr, die andere immer noch der Eisenbahn.
www.auew.de
Vor den Hochbauten der Spinnerei und Weberei Kempten, 1854 und
1869 errichtet, liegt das neue Kraftwerk wie ein gestrandetes Wasser-
tier in der Iller. Elegant taucht es unter dem historischen Kabelsteg
hindurch.
Generatoren sind langlebige Maschinen. Dieser hier verwandelte im
Kraftwerk Langweid von 1907 bis 1993 Drehbewegung in elektri-
schen Strom.