Seite 110 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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BAYERN UND SEINE INDUSTRIEDENKMÄLER
Oben und rechte Seite: Die Maxhütte in Sulzbach-Rosenberg, 2001 und 2002
Auch sie sind im weiteren Sinne Indus-
triedenkmäler. Zeugen der Zeit sind in
dieser Hinsicht beispielsweise in Mün-
chen das ehemalige Messegelände hinter
der Bavaria und das Kaufhaus Karstadt,
vormals Hertie, am Bahnhofsplatz oder
die Großmarkthalle in Thalkirchen. Die
Kommunen mussten sich also neuen
Aufgaben zuwenden: Trinkwasser war
bereitzustellen, Abwässer und Abfälle
mussten entsorgt werden. Die neuen Bau-
ten der Infrastruktur, die zum Teil noch
heute der Versorgung dienen, erinnern
als Technikdenkmäler ebenfalls an die-
sen Wandel.
Die dritte Phase der Industrialisierung
begann nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs mit dem Wiederaufbau ab
1945. Sie erlebte einen Höhepunkt mit
dem so genannten Wirtschaftswunder
der 1950er-Jahre. In Bayern ging diese
dritte Etappe der Industrialisierung mit
dem Niedergang der „alten“ Industrien
einher. Es folgte das Zeitalter der Infor-
mations-, Kommunikations- und Mobi-
litätstechnologie. Großflughäfen, Auto-
mobilwerke und die BMW-Welt könnten
in ferner Zeit von diesen Jahrzehnten
künden, als die Textil-, Glas- und Porzel-
lanindustrie weitgehend verschwunden
waren, ihre Industriebauten zum Teil leer
standen, oft aber auch neue Nutzungen
gefunden hatten und attraktive städte-
bauliche Dominanten geworden waren.
Ehemalige Industriebauten haben es
nicht leicht: Verlieren sie ihre ursprüng-
liche Funktion, so wird schnell der
Abbruch gefordert. Eine Fülle von Bei-
spielen aber zeigt, dass sich die Erhaltung
und die Umnutzung von Industriedenk-
mälern lohnen kann – in finanzieller wie
in ideeller Hinsicht, für Bauherren, Inves-
toren und die Öffentlichkeit. Diese Bau-
werke sind häufig von beeindruckender
baulicher und architektonischer Quali-
tät, begehrt als Wohnraum, Büroraum,
Verkaufsraum, Atelier oder für kulturelle
Nutzungen, für Privatpersonen, Institu-
tionen,denEinzelhandel.LagendieIndus-
triebauten zur Zeit ihrer Erbauung häufig
vor den Toren der Stadt oder in Randlage,
so befinden sie sich heute oft mitten im
Zentrum und sind gut erreichbar.
WAS TUN MIT INDUSTRIEDENK-
MÄLERN: BEISPIEL MUSEUM
Industriebauten eignen sich gut als
Museums- oder Ausstellungsräume. Ihre
Architektur bietet große und variable
Flächen, Wände und Decken sind robust,
die technischen Anlagen können selbst
zum Ausstellungsobjekt werden. Ein
Beispiel für ein Museum im Industrie-
denkmal ist das Textil- und Industrie-
museum in Augsburg (tim), das im Kopf-
bau und einigen Shedhallen der ehema-
ligen Augsburger Kammgarnspinnerei
(AKS) untergebracht ist. Das Museum
präsentiert die Leistungen und Produkte
der ehemaligen Spinnerei, alte Maschi-
nen wurden wieder in Betrieb genom-
men. Ein Beispiel ist auch der Würz-
burger Hafenspeicher: Errichtet 1904 als
Lagerhalle für das Hauptzollamt, hat der
Bau den Bombenhagel im Zweiten Welt-
krieg nahezu unbeschadet überstanden.
Im Rahmen der Umnutzung als Museum
und Kulturzentrum ist das historische
Erscheinungsbild des Hafenspeichers er-
halten geblieben. Heute ist hier Kunst
„gespeichert“: Neben Wechselausstellun-
gen und Bühnen haben die Sammlung
„Konkrete Kunst“ und die „Städti-
sche GalerieWürzburg“ einen festen Platz
gefunden. Geradezu eine „Marke“ ist der
Rosenheimer Lokschuppen geworden.
1858 fertig gestellt, hatte er schon 1872
seine Funktion verloren, als der Rosen-
heimer Bahnhof verlegt wurde. Der halb-
kreisförmige Bau diente fortan alsWaren-
lager, Turnhalle und später auch als
Jugendzentrum. 1988 wurde das „Aus-
stellungszentrum Lokschuppen“ eröff-
net, das seither Jahr für Jahr Besucher
aus nah und fern mit seinen wechselnden
Ausstellungen anlockt.
WAS TUN MIT INDUSTRIEDENK-
MÄLERN:
BEISPIEL WOHNUNG
Wiederum in Augsburg gibt es ein ein-
drucksvolles Beispiel für die Umnutzung
von Industriedenkmälern zu Wohnzwe-
cken: Im Stadtteil Göggingen steht in der
Fabrikstraße ein auffälliger Ziegelbau,
die 1909/10 als Produktionsgebäude für
1500 Arbeiter errichtete Nähfadenfabrik
Ackermann. 2006 wurde das aufgelas-
sene Gebäude unter dem Motto „Leben
im Loft“ für Wohnzwecke umgebaut – in
bestem Einverständnis mit der Denkmal-
pflege. Auch in Coburg ist die Wohnge-
meinschaft mit der Industriegeschichte
möglich: Die ehemalige Porzellanfabrik
in Coburg-Creidlitz ist heute Wohn- und
Geschäftshaus. In Passau wurde 2010 die
ehemalige Peschl-Brauerei, unmittelbar
am Donauufer gelegen, für Wohnzwecke