Seite 103 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VILLEN UND FERIENHÄUSER
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Blumenthal, Berliner Journalist, Kulturkritiker und Autor des
Singspiels „Im weißen Rössl“, war von diesem Modell so begeis-
tert, dass er es von Chicago zurück nach Europa in seine Wahl-
heimat Ischl im Salzkammergut transportieren ließ, wo es bis
heute steht.
In Deutschland wurde 1914 bei einer Ausstellung der Darmstäd-
ter Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe erstmals ein Fertig-
haus einer größeren Öffentlichkeit vorgestellt. Die wirtschaft-
liche und soziale Not, insbesondere die Wohnungsnot, nach dem
Ersten Weltkrieg machten die Entwicklung von Holzhäusern in
Fertigbauweise interessant. Richard Riemerschmid begann 1921
mit der Planung und dem Bau solcher Häuser. Standardisierte
Architektur in unterschiedlichen Haustypen und die Möglich-
keit, in Serie preiswerter produzieren zu können, verbanden sich
mit seinem Anliegen, kostengünstigen Wohnraum zu schaffen
und zugleich „die Kunst in das Leben der Menschen zu inte-
grieren“. Er forderte die „Schönheit des Einfachen“ und den als
Baustoff wenig geschätzten Werkstoff Holz, ohne dabei auf einen
hohen Anspruch an Qualität und Wohnkomfort zu verzichten:
„Es genügt nicht, wenn das Haus, einfach und sicher konstruiert,
in kürzester Frist aufgestellt werden kann, gegen Wind, Regen
und Kälte gut geschützt ist, wenn es gut heizbar und gut einge-
teilt ist; in diesen knappen Räumen müssen auch alle die kleinen
Einzelheiten gut und sorgfältig angeordnet sein.“ Auf der Deut-
schen Gewerbeschau in München 1922 zeigte Riemerschmid
den ersten Entwurf eines vorfabrizierten Fertighauses. In dem
1928 in zweiter Auflage erschienenen Katalog „Vom praktischen
Bauen und sonnigem Wohnen“ waren bereits 50 verschiedene
Holzhaustypen von Riemerschmid in Fertigbauweise im Ange-
bot, darunter Ein- bis Zehnzimmerhäuser, mit Flach- oder Steil-
dach, ein- oder zweigeschossig. Die meisten Modelle stellte die
Holzhaus- und Hallenbau GmbH München her. Riemerschmid
entwarf für alle seine Fertighausmodelle auch die Innenausstat-
tung bis hin zu Möbel und Lampen.
INDIVIDUALITÄT TROTZ MASSENPRODUKTION
Auch andere bekannte Architekten beschäftigten sich mit dem
Bau ästhetisch anspruchsvoller Fertighäuser. Von Walter Gro-
pius stammen zahlreiche Siedlungen in Fertigbauweise, etwa
in Dessau-Törten (1916 bis 1931). Konrad Wachsmann entwarf
unter anderem das als Unikat in Fertigbauweise 1929 errichte-
te Sommerhaus für den Physiker Albert Einstein im branden-
burgischen Caputh, das heute der Einstein-Gesellschaft als
Tagungshaus dient.
Mit dem General-Panel-System (auch
„Packaged House System“ genannt) ge-
lang Gropius und Wachsmann, die
Deutschland verlassenmussten und in die
USA auswanderten, 1941 der Durchbruch
im Fertighausbau. Bei diesem System sind
die Fertigbauelemente nicht mehr nur auf
einen Haustyp zugeschnitten, sondern so
konzipiert, dass sie nach dem Baukasten-
prinzip die Errichtung verschiedenster
Hausformen zulassen. Sie bestehen aus
einzelnen tragenden Holzrahmen, in die
nach individuellen Wünschen Wände,
Türen, Fenster integriert sind. Das von
Wachsmann entwickelte Trennwandsys-
tem für die Raumaufteilung ermöglichte
auch für den Innenbereich eine individu-
elle Gestaltung.
Das aus Chicago ins Salzkammergut transferierte Fertighaus aus
Berlin in einer aktuellen Aufnahme