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Vom KPD-Aktivisten zum CSU-Bürgermeister: Alfons Streck und der Dachbodenfund

Das Haus der Bayerischen Geschichte in Regensburg präsentiert als neuesten Zugang in seiner Dauerausstellung ein jahrzehntelang verstecktes Zeugnis der Zeitgeschichte.

Es handelt sich um eine Tischdecke der Kommunistischen Partei Deutschlands aus den 1930er Jahren. Sie stammt von Alfons Streck (1903–1974), nach dem Zweiten Weltkrieg langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Willmering im Landkreis Cham. Mit dabei waren Dr. Richard Loibl, Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte, der Leihgeber Helmut Holzer, Journalist Thomas Muggenthaler, Franz Löffler, Bezirkstagspräsident des Bezirks Oberpfalz und Hans Eichstetter, Bürgermeister der Gemeinde Willmering.

Alfons Streck als KPD-Aktivist
Alfons Streck, geboren in Geigen, Gemeinde Willmering, war in den 1930er-Jahren einer der führenden Gegner des NS-Regimes in Cham. Bei den Reichstagswahlen im März 1933 trug Streck maßgeblich dazu bei, dass die KPD in der Gemeinde Willmering stärkste Partei wurde, noch vor der Bayerischen Volkspartei (BVP). In halbindustrialisierten Armutsregionen, wie dem Bayerischen Wald, erhielt die Partei während der Zeit der Weltwirtschaftskrise ab 1929 viele Proteststimmen. Die linksradikale KPD lehnte die parlamentarische Demokratie ab. Zugleich gehörten ihre Mitglieder zu den widerständigsten Gegnern des NS-Regimes. In Cham demonstrierten die KPD-Anhänger am 11. Februar 1933 erfolglos gegen die Machtübernahme der Nationalsozialisten im Reich.

Nationalsozialismus und Weltkrieg
Nach der Machtübernahme wurden in Cham führende Gegner der Nationalsozialisten verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt, darunter Alfons Streck. „Bubi wird schon recht groß sein, wenn ich wieder komme“, schrieb der Familienvater in die Heimat. Am 19. März 1934 wird Streck aus der Haft entlassen. Protokolle der zuständigen Gendarmeriestation Waffenbrunn belegen, dass ihn die Polizei auch danach misstrauisch im Blick behielt. 1940 wurde Alfons Streck zur Wehrmacht eingezogen und in Frankreich, Russland und Italien eingesetzt.

Demokratischer Neubeginn und politische Neuausrichtung
Nach seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft im Oktober 1945 betätigte sich Streck wieder politisch. Von der kommunistischen Bewegung hatte er sich zwischenzeitlich abgewandt, vermutlich auch aufgrund seiner Eindrücke als Soldat und Kriegsgefangener in der Sowjetunion. Über die SPD und die Parteilosigkeit führte ihn sein politischer Weg zur CSU. 1946 bis 1969 prägte er als Bürgermeister von Willmering und später auch als Mitglied des Kreistags die örtliche Kommunalpolitik. Die Aufbauarbeit der Gemeinde war seine Berufung, betont Tochter Melitta Holzer. „Mir ham koa Licht ghabt, mir ham koa Wasser ghbat, mir ham koa Straß ghabt, mir ham nix ghabt.“ In den 1950er-Jahren gründete er „af der Geig’n“ auch das Ausflugslokal „Waldfrieden“. Als er 1974 im Alter von 70 Jahren starb, würdigte ihn der damalige Chamer Landrat Ernst Girmindl „als einen der profiliertesten Kommunalpolitiker.“ Das „Bayerwald-Echo“ („Mittelbayerische Zeitung“) schrieb bereits 1969: „Willmering verdankt ihm seinen steilen Aufstieg.“

Die versteckte KPD-Tischdecke   
Jahre später entdeckte Strecks Enkel Helmut Holzer ein sehr gut erhaltenes Objekt auf dem Dachboden seines Elternhauses. Es handelt sich mutmaßlich um eine Tischdecke aus den frühen 1930er Jahren, aus dem Nachlass Alfons Strecks. Sie zeigt ein Segelboot auf hoher See, dazu einen roten Stern mit Hammer und Sichel als Symbol der Kommunistischen Partei. Vier Fäuste, jeweils in den Ecken und über Ketten miteinander verbunden, stehen für die Kampfbereitschaft der Kommunisten. Die gut versteckte Tischdecke überdauerte die Zeit des Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die politische Neuausrichtung Strecks. Die von Helmut Holzer als Leihgabe überlassene Decke steht nun in der Dauerausstellung des Hauses der Bayerischen Geschichte für ein wichtiges Kapitel der Zeitgeschichte. Vermittelt wurde das Objekt vom Journalisten Thomas Muggenthaler, der seit Jahrzehnten zur NS-Geschichte in Ostbayern recherchiert.