HDBG MAGAZIN #6 - Krisen in Bayern - Seuchen, Kriege, Naturkatastrophen und ihre Folgen

DIE PEST – ANFÄNGE DER SYSTEMATISCHEN SEUCHENBEKÄMPFUNG Bis heute Inbegriff von Seuchen ist die Pest, die Bayern und Europa über Jahrhunderte im Griff hatte. Ob es sich bei je- dem Ausbruch tatsächlich um die von dem 1892 entdeckten Bazillus Yersinia Pestis ausgelöste Krankheit handelte, lässt sich nicht eindeutig klären. Ihre zeitgenössischen Bezeich- nungen pestilenz oder (sterbende) leuff standen möglicher- weise generell für hochansteckende, epidemisch auftretende Infektionskrankheiten. Auffallend ist jedoch die Regelmäßig- keit, mit der die pestilenz auftrat, nachdem die aus Asien eingeschleppte Pest 1348 erstmals nach 800 Jahren wieder in Europa gewütet hatte. Der Erreger wird meist durch Rattenflöhe, später dann durch Tröpfcheninfektion übertragen. Die Krankheit äußert sich als Beulen- oder Lungenpest, wobei letztere wegen der hohen Übertragungsgefahr und Letalität (Tödlichkeit) besonders gefährlich ist. Die Pest trat bis zu ihrem letzten europäischen Ausbruch 1720 relativ regelmäßig etwa alle elf Jahre auf – eine Periodizität, die auch den Zeitgenossen bekannt war und die ein vorausschauendes Handeln der Obrigkeiten umso notwendiger machte. Zentrales Problem war die Un- wissenheit über Ursachen und Verbreitungswege. Wichtiger Erklärungsansatz war die sogenannte Miasmentheorie, die annahm, dass durch Ausdünstungen der Erde die Luft ver- pestet werde, was wiederum zur Fäulnis im Körper führe. Auch die Ausdünstungen von Kranken wurden als Gefahren- quelle gesehen. In Anbetracht dieser Unsicherheit war für viele Menschen die Flucht das einzige Mittel: Oft waren es jedoch genau diese Fluchtbewegungen, die zur weiteren Verbreitung der Seu- chen beitrugen. So wurde die Pest 1494 wohl aus Nürnberg in Augsburg eingeschleppt, 1506 dann in Bamberg – was den Nürnberger Rat dazu veranlasste, dem Bamberger Bi- schof Geschenke zum Dank für die Aufnahme seiner Bürger zu machen. Die Obrigkeiten versuchten der Verbreitung durch Einschrän- kungen der Bewegungsfreiheit Herr zu werden. Häuser von Pesttoten wurden gereinigt und desinfiziert, die Einreise von Personen in die Stadt wurde kontrolliert, um zu verhindern, dass Infizierte den Erreger einschleppten. Städte stellten ih- ren Bürgern Gesundheitspässe aus als Nachweis, aus einer pestfreien Region zu kommen. Groß war die Angst vor einem Einbruch des Handels und der kommunalen Wirtschaft. Die Stadtregimenter erließen Mandate, in denen sie Regeln zur Bekämpfung der Seuche aufstellten. An erster Stelle stand dabei stets die notwendige Gottesfurcht, lag die Bewahrung vor Krankheiten aus Sicht der Zeitgenossen doch in Gottes Hand. Zentrale Bedeutung hatte in der Folge die Einhaltung vielfältiger Quarantäneregeln. Häufig wurden auch diäteti- sche Vorschläge in die Verordnungen aufgenommen, die zunehmend durch Anweisungen zum Reinhalten von Straßen sowie zur Abfall- und Unratbeseitigung ergänzt wurden. Vom Zusammenhang zwischen Hygiene und Gesundheit gab es also bereits eine diffuse Vorstellung. Zur Isolation der Kran- ken entstanden in einigen Städten spezielle Pestspitäler. Un- ter diesen sticht das Nürnberger Sebastiansspital hervor, das älteste Pestspital nördlich der Alpen, das spätestens 1533 erstmals genutzt wurde. In der Reichsstadt Nürnberg, in der zwischen Mitte des 15. Jahrhunderts und den 1540er Jahren bei jeder der etwa alle zehn Jahre auftretenden Pestwellen geschätzt 3.000– 5.000 Einwohner starben, erließ der Rat 1520 erstmals eine gedruckte Pestordnung, die in der hohen Auflage von 6.000 Exemplaren erschien. Ebenso zeugt das Absperren und Versiegeln der Häuser von Pesttoten und Lazarettin- sassen, um deren Eigentum vor Plünderungen zu schützen, vom Interesse des Stadtregiments, auch in Notzeiten Si- cherheit und Ordnung als gesellschaftliche Grundfunktio- nen zu bewahren. Die Idee der Quarantäne für Kranke, Kontaktpersonen und Fremde war möglicherweise über Nürnberg in die Regionen nördlich der Alpen gelangt: In Venedig, das besonders stark von der Pest heimgesucht wurde, mussten Fremde aus verdächtigen Gebieten vierzig (italienisch: „quaranta“) Tage auf einer Insel, dem Lazzaretto nuovo, verbringen. Aufgrund ihrer engen Handelsbeziehun- gen in die Lagunenstadt waren die Franken prädestiniert, diese Ideen zu übernehmen. Auch die Stiftung des Sebas- tianspitals ging wohl auf venezianische Einflüsse zurück. Von Stiftungen für Spitäler, Altäre oder andere religiöse Einrichtungen erhoffte man sich göttlichen Beistand, auch in Seuchenzeiten. 39 | HDBG MAGAZIN Seuchen und Krankheiten als städtische Reformer

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