HDBG MAGAZIN #6 - Krisen in Bayern - Seuchen, Kriege, Naturkatastrophen und ihre Folgen

SEUCHEN UND KRANKHEITEN ALS STÄDTISCHE REFORMER „Ja, es schien, als ob die Seuche eine Neubelebung ihrer Kräfte erfahren […]. Fälle der Genesung waren selten; achtzig vom Hundert der Befallenen starben und zwar auf entsetz- liche Weise […]. Binnen wenigen Stunden verdorrte der Kran- ke und erstickte am pechartig zähe gewordenen Blut […].“ Selbst diese Schilderung der gerade in Venedig ausgebro- chenen Cholera veranlasste Gustav von Aschenbach nicht zur Abreise aus der Stadt. Nach einer unheilschwangeren Begegnung auf dem Münchner Nordfriedhof war der Schrift- steller einem inneren Drang in die Ferne gefolgt, der ihn nach Venedig und dort, beseelt von der Schönheit der Stadt und des polnischen Jünglings Tadzio, aus Begehren unachtsam gegenüber der Gefahr, in den Tod führte. Die literarische Verklärung der Seuche in Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“, die sich ähnlich in der Welt eines Schweizer Tu- berkulosesanatoriums in seinem Roman „Der Zauberberg“ findet, steht im Kontrast zur Bedrohung, die von diesen Krankheiten für die Zeitgenossen ausging. Bis weit ins 20. Jahrhundert prägte die latente Gefahr eines Seuchenausbruchs, aber auch alltäglicher unheilbarer Krank- heiten das Leben der Menschen in Bayern. Insbesondere die Städte sahen sich mit den einhergehenden Herausforderun- gen konfrontiert, waren sie doch für die schnelle Ausbreitung von Krankheiten prädestiniert: Hier lebten viele Menschen auf engem Raum unter oft problematischen hygienischen Bedingungen. Gerade in Handelsstädten kamen viele Men- schen unterschiedlicher Herkunft zusammen. Mit der Fluk- tuation stieg die Gefahr, dass Seuchen eingeschleppt wur- den. Gleichzeitig wurden Städte auch Orte des Wissens und medizinische Zentren. Schon zu Beginn des Spätmittelalters hatten sich in den drei größten Städten des heutigen Bayern vom jeweiligen Stadtregiment getragene gesundheitsbezo- gene Strukturen herausgebildet, wobei der Rat der Residenz- stadt München aufgrund des landesherrlichen Einflusses bis 1806 weit weniger Eigenständigkeit besaß als die Obrigkeiten der Reichsstädte Augsburg und Nürnberg. Unabhängig von der politischen Situation entwickelten die Stadtspitzen je- doch alle ein zunehmendes Verantwortungsbewusstsein für das gesundheitliche Wohl ihrer Bevölkerung. PESTSCHUTZ Mit spezieller Kleidung versuchte man, sich vor den Ausdünstungen der Pest zu schützen. Aus diesem Grund wurden auch Pesttote abgedeckt. 38 HDBG MAGAZIN | Seuchen und Krankheiten als städtische Reformer

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