Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Ein eingeborener Hang zur Theatralik – Comedihütte, Drachenstich und Kir Royal Manfred Knedlik D ie Theaterbegeisterung in Bayern – zumal der bairischen Bevölkerung – ist legendär. Dieses Bairisch umfasst als Stam- mes- und Sprachgebiet nicht nur die heutigen Regierungsbezirke Oberbayern, Niederbayern und Oberpfalz, sondern auch den alpenländischen Raum (mit Ausnahme von Vorarlberg). Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass Franken und Schwaben im Lauf der Jahrhunderte in ähnlicher Weise vom Theatervirus infiziert worden sind. Mit Interesse, Faszination und Vergnügen haben Fremde und Einheimische diese kulturelle Eigenart des Landes registriert, entsprechend bewertet und gewürdigt. Im 18. Jahrhundert wusste selbst ein aufgeklärter Spötter wie der Literat und Publizist Johann Pezzl viel Treffendes über den „Schauspielhunger der Baiern“ anzumerken, den sogar der kurfürstliche Hof teile – aus seiner Sicht durchaus zum Nutzen des Staates, denn „glücklich (ist) das Land, welches sich in der Lage befindet, daß es anstatt einiger hundert Soldaten mehr … eine Oper unterhalten kann“. Im 20. Jahrhundert nannte Alois Johan- nes Lippl, von 1948 bis 1953 Intendant des Bayerischen Staats- schauspiels, die Freude seiner Landsleute am Theaterspielen ein „besonders liebenswürdiges, angestammtes Laster“; und in den frühen 1960er-Jahren widmete der Bayerische Rundfunk dem „Komödi-Spielen“ sogar eine eigene Sendereihe, die vielfältige Facetten und Perspektiven lebendig werden ließ. „Schau-Ereignisse“ und geistliches Spiel Als Gesamtphänomen umfasst „Theater“ ein äußerst breites Spek- trum an „Schau-Ereignissen“, die von spielhaften Handlungen, die in profanen oder religiösen Bräuchen wurzeln, bis zur Inszenie- rung literarischer Spieltexte – dem Theater im landläufigen Sinn – reichen. Nicht selten entwickeln theatrale Formen dynamische Kontinuität, sie werden von Generation zu Generation weiterge- geben und fortwährend neu gestaltet und getönt. Eingebunden in den Festkalender des ganzen Jahres entwickelten sich im späten Mittelalter fastnächtlich-weltliche Aktivitäten wie Maskenlaufen („Mummereien“), Umzüge und Einkehrspiele, die der ländlichen wie der städtischen Gemeinschaft die Möglichkeit boten, im spielerischen Vollzug der „verkehrten Welt“ Spannungen und Bedrohungen lachend zu bewältigen. Im beliebten „Sturm aufs Rathaus“, bei dem die (Fastnachts-)Narren die symbolische Schlüsselgewalt über das politische Zentrum der Kommune übernehmen, findet dieses Treiben einen aktuellen Widerhall. Früh auch begann der Siegeszug des geistlichen Spiels, dessen Wurzeln im Kultraum der Kirche, in den quasi dramatischen, visuell einprägsamen Handlungen der liturgischen Oster- oder Weih- nachtsfeier, liegen. Seine Anfänge dürften in das 11. Jahrhundert zurückreichen; die schriftliche Überlieferung beginnt im bairisch-ös- terreichischen Raum mit der berühmten Sammelhandschrift der „Carmina Burana“ (um 1225/30). Eine besondere Anziehungs- Die Fundamente des Freistaates Bayern 74

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