Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Ballonfahrt in die Freiheit Wolfgang Reinicke S ind wir hier imWesten???“ Nur diese eine Frage stellen Peter Strelzyk und Günter Wetzel, als sie am frühen Morgen des 16. September 1979 in der Nähe von Naila auf bayerische Poli- zisten treffen. Und bei der Antwort brechen sie in Jubel aus: „Ja klar, wo denn sonst?“ Zu diesem Zeitpunkt liegt die abenteuerlichste Nacht ihres Lebens hinter ihnen – die Flucht aus der DDR und eine Ballonfahrt in die Freiheit. Peter Strelzyk (37) und Günter Wetzel (24) hatten im thüringischen Pößneck die Flucht seit 1978 detailliert geplant. Heimlich beschaff- ten sie sich Fachliteratur zur Aerodynamik, wobei Strelzyk seine Ausbildung als Luftfahrtmechaniker und seine Arbeit als Elektro- monteur zugutekamen. Ein auf der Grundlage von Propangas- flaschen konstruiertes Brennersystem sollte einen selbst genähten Ballon in die Luft bringen. So machte die Pößnecker Tuchmacher- straße 22 ihremNamen alle Ehre: Der gelernte Maurer Wetzel nähte, zusammen mit Peter Strelzyks ältestem Sohn Frank, auf einer Nähmaschine in wochenlanger, mühevoller Kleinarbeit Stoffbah- nen für den Ballon aneinander. Drei Versuche sollte er benötigen. Die erste Ballonhülle erwies sich bei einem Test im April 1978 als zu grobmaschig. In der Nacht zum 4. Juli 1979 wagte das Ehepaar Strelzyk mit seinen Kindern allein die Ballonfahrt. Wieder klappte es nicht. Der Ballon geriet in einenWolkennebel und die Hülle saugte sich voll Wasser. Der Ballon sank und landete in einemWaldstück unmittelbar vor dem Grenzsperrgebiet. Den Strelzyks gelang es, unbemerkt nach Pößneck zurückzukehren. Den Ballon mussten sie jedoch preisgeben. Als er entdeckt wurde, leitete die Polizei eine Großfahndung ein – zunächst ohne Erfolg. Doch die Stasi kam den Fluchtwilligen auf die Spur, weil Doris Strelzyk eher selten verschrie- bene Medikamente an der Landestelle verloren hatte, was sie nun in Verdacht brachte. Die Familien Strelzyk und Wetzel wagten einen dritten Versuch. Wieder entstand über Wochen eine noch größere Ballonhülle von rund 1300 Quadratmetern. Um nicht aufzufallen, kauften sie die Stoffbahnen an verschiedenen Orten in der ganzen DDR. In der Nacht zum 16. September 1979 war es dann so weit. Der Segelflugwetterbericht im Bayerischen Rundfunk versprach mit konstantem Nordwind ideale Voraussetzungen. Die beiden Familien fuhren mit dem Aufo und auf einemMoped Richtung Grenze. 15 Kilometer südöstlich von Probstzella sollte an einer In der Nacht des 16. September 1979 gelang den Familien Strelzyk und Wetzel die spektakuläre Flucht von Lobenstein nach Naila mit einem Ballon. Die Fotografie von 1985 zeigt den in der Nähe von Hof zu Demonstrationszwecken aufgeblasenen Ballon, der als Leihgabe im neuen Museum der Bayerischen Geschichte präsentiert werden wird. Die Fundamente des Freistaates Bayern 48

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