Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Grenzland Bayern: Eine Hochzeitsreise nach Prag im Jahr 1983 Harald Parigger Schirnding, Landkreis Wunsiedel, am 8. November 2015, nachmittags. Es ist kein typischer Novembertag. Vom weiß-blauen Himmel lächelt eine milde Herbstsonne, ein leises Lüftchen weht, die Tem- peratur nähert sich der 15-Grad-Marke. Auf einem Feldweg, der eine Wiese amWaldrand durchschlängelt, steht eine Reihe von Menschen, knapp 300 mögen es sein. Sie spazieren vor sich hin, dann bleiben sie stehen und reichen sich die Hände. Eine Menschenkette auf einer Wiese in Schirnding? Jeder denkt sofort an Bürger/innen, die ihre Freizeit opfern, um für irgendeine gute Sache zu demonstrieren. Aber etwas stört. Etliche der Versammelten haben eine Fahne unter den Arm geklemmt, was gar nicht so einfach ist, wenn man einander doch bei den Hän- den halten will. Deutsche Fahnen sieht man, bayerische und ein paar tschechische. Fahnen haben schnell etwas Martialisches, Menschen, die einander die Hände zur Kette reichen, eher etwas Ökumenisches. Wie geht das zusammen? Wozu die Geste der sanftmütigen Verbrüderung? Nun muss man wissen, dass da, wo jetzt die Wiese ist, früher die Grenze war. Die Grenze zwischen Bayern beziehungswei- se der Bundesrepublik Deutschland und der Tschechoslowaki- schen Sozialistischen Republik. Keine sehr erfreuliche Grenze, wie man noch sehen wird. Und diese 300 Männer und Frauen (mehr Männer) mit ihren Fahnen und einigen Transparenten sind nicht gekommen, um für den Weltfrieden oder für die Einhaltung der Menschenrechte zu demonstrieren. Die einander umschließenden Hände sind auch kein Akt der Verbrüderung. Die Hände werden gereicht zum symbolischen Akt der „Hilfe beim Grenzbau“. Die Leute hier, samt und sonders Angehörige der „Pegida“-Bewegung, möchten die Grenze wieder schließen. Ein Anfang soll damit gemacht werden, damit die bedrohliche „Flüchtlingsflut“ gestoppt werde. Wir wollen uns nicht damit aufhalten, dass hier, in Schirnding, weit und breit kein Flüchtling zu sehen ist. Schirnding/Pomezí nad Ohrí, Grenzübergang, 17. Mai 1983, um die Mittagszeit. Die Überdachungen haben auf der kapitalistischen wie der sozia- listischen Seite den Charme einer überdimensionierten Grabplat- te auf Stelzen. Darunter ducken sich die Container mit den Amts- stuben. Die Maisonne brennt ungewöhnlich heiß auf den grauen Beton und den graublauen Asphalt, flirrende Luft, Betonwände und Straßenband verschwimmen zu staubigem Dunst. Es ist nur wenig los am Grenzübergang an diesem Dienstag. Ein Bus aus Dortmund steht einsam in seiner Spur, ein gutes Dutzend PKW in der ihren. Ab und zu tritt ein tschechoslowakischer Gren- zer aus dem Container, wirft einen ausdruckslosen Blick auf die wartenden Fahrzeuge, lässt ihn dann in die Ferne schweifen, ob die Schlange wohl länger wird, was nicht der Fall ist, und zieht sich wieder zurück. Vor gut einer Stunde haben die Autos nach kurzem Aufenthalt das Hauptzollamt Schirnding passiert und da stehen sie nun, die Insassen sind sich selbst und ihrer Geduld überlassen. In einem der Wagen, einer Giulia von Alfa Romeo, sitzen zwei befreundete Ehepaare, eines davon, meine Frau und ich, seit ein paar Tagen verheiratet. Drei Tage Prag, das soll unsere Hoch- zeitsreise sein. Mehr können wir uns nicht leisten. 42 Die Fundamente des Freistaates Bayern

RkJQdWJsaXNoZXIy MjY4MzQ=