Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Der Wiederaufbau Augsburgs nach 1944 – Pragmatismus statt Visionen Gregor Nagler A m 25./26. Februar 1944 fiel das alte Augsburg, eine der geschichtsträchtigsten Städte Mitteleuropas, bei einem in drei Wellen geführten Bombenangriff der U.S. Air Force und der britischen Royal Air Force in Schutt und Asche. Im Gegensatz zu Würzburg oder Braunschweig, Hannover oder Nürnberg waren die Zerstörungen in Augsburg jedoch weit weniger umfassend. Die beiden großen kirchlichen Monumente, der Dom und St. Ulrich und Afra, waren erhalten. Völlig zerstörte Areale wie die Ludwigs- und Karlstraße, der Predigerberg oder die nördliche Jakobervorstadt standen fast unversehrten Vierteln um den Dom und im Lech- und Ulrichsviertel gegenüber. Auch die südliche Maximilianstraße, das „Herz“ Augsburgs, blieb in ihren Grund- zügen bestehen. Insgesamt erschien das historische Stadtbild durchlöchert, aber nicht ausgelöscht. Gründe hierfür waren die in Augsburg vorherrschende massive Ziegelbauweise sowie die Tatsache, dass hier aufgrund unge- nauer Zielmarkierung kein Feuersturm entfacht worden war. Zudem war die Altstadt mit circa 200 Hektar flächenmäßig besonders groß. Die Bilanz des vom NS-Regime ausgelösten Luftkriegs war nichtsdestotrotz verheerend: 1499 Menschen waren umgekommen, der Großteil von ihnen KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, 85000 Menschen, also fast 40 Prozent der Einwohner, waren obdachlos. Im Rechenschaftsbericht der Stadt Augsburg von 1960 werden 4300 Gebäude als zerstört und schwer beschädigt bezeichnet, darunter 88 öffentliche Gebäu- de, hiervon 16 Kirchen; 24 Prozent der Wohnungen waren unbe- wohnbar. Während die Trümmer notdürftig an die Straßenseiten geräumt wurden, bildete sich bereits im April 1944 um den dritten Gauheimatpfleger Ludwig Ohlenroth eine „Kunst- und Denkmal- schutzstelle“. Er bekam Hilfe von dem Kunsthistoriker Norbert Lieb, der als Vertrauensmann des Landesamts für Denkmalpflege fun- gierte. Die beiden veranlassten zum einen die Bergung noch nicht ausgelagerter beweglicher Kulturgüter, zum anderen die Doku- mentation von Schäden an Architekturdenkmälern. Außerdem leiteten sie erste Sicherungsmaßnahmen ein. Der von Lieb und Ohlenroth verfasste Bericht über die durchgeführten Maßnahmen (6. März 1944) enthielt eine später (22. März 1944) ergänzte Verlust- und Schadensliste der wichtigen Kulturdenkmäler. Zudem wurden Mathilde Obermeit, Otto Sening und Joseph Eschenlohr beauftragt, die Zerstörungen und Beschädigungen fotografisch zu dokumentieren. Vermutlich geht auch ein sehr detaillierter, fünfteiliger Schadensplan der Augsburger Altstadt imMaßstab 1:1000 auf die Aktivität von Lieb und Ohlenroth zurück. Durch die „Kunst- und Denkmalschutzstelle“ konnten wichtige Zeug- nisse der Augsburger Kunstgeschichte bewahrt werden – so wurde etwa mit der Sicherung der Fuggerkapelle in St. Anna und der Badstuben in den Fuggerhäusern begonnen. Die Maßnahmen waren auch deshalb für den späteren Wiederaufbau wirksam, weil Augsburg noch einmal, am 28. April 1945, vor der drohenden völligen Zerstörung bewahrt wurde. Denn die „Augsburger Freiheits­ bewegung“ ermöglichte den ungehinderten Einmarsch amerikani- scher Truppen – auch, weil die örtlichen NS-Politiker zum Verzicht auf eine letztlich sinnlose Verteidigung bewegt werden konnten. Nach einem lauen Beginn wurde die Entnazifizierung der Stadt- verwaltung unter der am 8. Juni 1945 eingerichteten eigenen Dienststelle der Militärregierung in Augsburg, geführt von Kom- mandeur Major Everett Cofran, mit Härte verfolgt: Im September 1945 waren fast 76 Prozent der Beamten und fast 46 Prozent der Angestellten entlassen, unter ihnen Wilhelm Ott, der erste Bürgermeister nach dem Zweiten Weltkrieg, und Josef Ferdinand Kleindinst, der als Personalreferent eine Schlüsselposition für die Entnazifizierung inne hatte. Bürgermeister wurde nun der jüdische Rechtsanwalt Ludwig Dreifuß, Personalreferent Franz Xaver Sen- nefelder und Julius Thaddäus Schweighart Stadtbaurat. Die Stadt- verwaltung, insbesondere das durch denWiederaufbau über die 34 Die Fundamente des Freistaates Bayern

RkJQdWJsaXNoZXIy MjY4MzQ=