Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft #9

Gefecht mit Worten – Der politische Aschermittwoch Barbara Wasner Wie es mit dem Aschermittwoch begann Seinen Ausgangspunkt nahm der so genannte politische Ascher- mittwoch im niederbayerischen Vilshofen. Dort fand seit dem 16. Jahrhundert alljährlich am Aschermittwoch einWarenmarkt statt, später auch ein Viehmarkt. Ab 1883 kam zu dem üblichen Angebot eines Viehmarkts mit Rindern, Schweinen, Pferden ein Taubenmarkt hinzu. Die Ausweitung des Angebots auf Geflügel führte zu einer noch höheren Attraktivität des Marktes und in den folgenden Jahren zu einem Zuwachs bei den Besucherzahlen. Dass es sich dabei auch nach heutigen Maßstäben um nicht wenige Besucher handelte, zeigt ein Zeitungsbericht aus dem Jahr 1908: „Welch riesiger Verkehr dahier am gestrigen Aschermitt- woch-Viehmarkt herrschte, dafür sprechen am besten folgende Zahlen: Auf der hiesigen Bahnstation wurden für die Richtung Plattling und Passau 1500 Fahrkarten und für die Lokalbahnen Vilshofen–Ortenburg und Vilshofen–Aidenbach je 1000 Fahr- karten, also in Summa 3500 Fahrkarten ausgegeben.“ (Vils- hofener Amts- undWochenblatt vom 6.3.1908) Der Aschermittwoch galt als „Bauernfeiertag“, an dem die Bauern auch ihren Knechten und Mägden freigaben, damit diese den Markt für Einkäufe nutzen konnten. Von dem großen Andrang profitierten neben dem Verkehrswesen – ab 1909 mussten auf einigen Strecken Sonderzüge eingesetzt werden – auch die Geschäfte und Gaststätten in Vilshofen. Der Aschermittwochs- markt in Vilshofen war also prädestiniert dazu, den Rahmen für bäuerliche Veranstaltungen zu bilden. Dies erkannte auch der Bezirksbienenzuchtverein Vilshofen, der erstmals 1888 zur Gene- ralversammlung am Rande des Aschermittwochsmarkts einlud. Da sich dieser Termin offenbar bewährte, wurde diese Versammlung auch in den folgenden Jahren am Aschermittwoch einberufen. Wie der Aschermittwoch politisch wurde Politischwurde der Aschermittwoch mit der Einladung des Baye- rischen Bauernbunds zu einer Vertrauensmännerversammlung im Revolutionsjahr 1919. Unterschiedliche Behauptungen, der politische Aschermittwoch sei älter und stünde in Zusammenhang etwamit der Gründung des Bayerischen Bauernbunds amAschermittwoch 1893 in Vilshofen oder der Bayerischen Patriotenpartei 1897, sind nicht zu belegen und auchwenig plausibel. Der Bauernbund genoss in Vilshofen und Umgebung große Unterstützung. Die Veranstaltung 1919 war naturgemäß stark geprägt von den revolutionären Ereignissen – insbesondere die Ermordung Kurt Eisners und die daraus resultierenden Unruhen –, die sich in den Tagen zuvor in München zugetragen hatten. Diesem ersten „politischen Aschermittwoch“, bei dem nach Berich- ten der örtlichen Zeitung der Andrang ziemlich groß war, folgte einige Jahre später eineWiederholung: 1927 lud der Christliche Bauernverein zu einer Bauernversammlung ein. In den folgenden Jahren etablierte sich der Aschermittwoch als Versammlungstermin für den Christlichen Bauernverein, 1932 hielt auch die Bayerische Volkspartei eine Kundgebung ab. Ab 1933 vereinnahmte die NSDAP den politischen Aschermittwoch als reichsweites Propa- gandainstrument. Die „Wochenschau“ zeigte einen Film über die Aschermittwochskundgebung in Vilshofen. In den Jahren von 1938 bis 1945 fand am Aschermittwoch ledig- lich der Viehmarkt statt, jedoch keine politische Veranstaltung. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs griff 1947 die Wirt- schaftliche Aufbau-Vereinigung (WAV) die Aschermittwochs- tradition auf. Ab 1948 begann die Bayernpartei, regelmäßig Kundgebungen an diesem Tag abzuhalten. Wie der Aschermittwoch zum „Derbleck’n“ wurde Dass der politische Aschermittwoch eine Plattform für das so genannte Derbleck’n werden konnte, liegt in der scharfen Rivalität zwischen Bayernpartei und CSU begründet – ausgetragen von zwei wortgewaltigen Rednern: Joseph Baumgartner und Franz Josef Strauß. Das politische Geschehen der 1950er- und 1960er-Jahre in Bayern war stark geprägt von der Auseinander- setzung zwischen Bayernpartei und CSU. Die Ausrichtung beider Parteien zielte auf eine christlich-konservativ orientierte Wähler- schaft. Die Bayernpartei konnte nicht zuletzt deshalb eine ernst- hafte Konkurrenz für die CSU werden, weil diese in ihrer Grün- Selbstbewusst! Eigen! Widerspenstig! – Die Rolle Bayerns im Bund 118

RkJQdWJsaXNoZXIy MjY4MzQ=