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enn heute jemand mit einem verächtlichen Unter-

ton sagt, ein Kollege, ein Bekannter oder sonst

jemand könne kein Hochdeutsch, dann meint er

vermutlich, der Betreffende spreche irgendeinen

Dialekt oder Slang, auf jeden Fall ein unkorrektes Deutsch,

das nicht das ist, was man von Leuten kennt, die tadelloses

Deutsch sprechen. Nachrichtensprecher zum Beispiel oder

Fernsehmoderatoren. Es ist auch das Deutsch der Printme-

dien. Hochdeutsch ist in diesem landläufigen Verständnis

ein Deutsch, das „hoch“ ist, und zwar vom Niveau her. Wer

„hochdeutsch“ spricht, drückt sich so aus, wie man es von

einem gebildeten Zeitgenossen erwarten darf. Dialektspre-

chen wird demgegenüber gerne als minderwertig gesehen,

zumindest in bestimmten Situationen.

Das war aber nicht immer so. In früheren Jahrhunderten

waren „hochdeutsch“ und „Hochdeutschland“ geografische

Begriffe. Man meinte damit ganz allgemein die höher gele-

genen Teile des deutschsprachigen Gebiets, etwa von der

Mittelgebirgsschwelle bis zu den Alpen. So schrieb beispiels-

weise Philipp Melanchthon im Jahr 1543, er wisse, „das in

Hochteutschland vil loblicher stedt sind, die yhren christ-

lichen predigern und schuldienern ausz eigen gutern ihre

besoldung geben“. Er meinte damit Süddeutschland. Die

Dialekte, die in „Hochdeutschland“ gesprochen wurden,

bezeichnete man eben als die „hochdeutschen“. Manche

Autoren des 16. Jahrhunderts verwendeten auch den Begriff

„oberdeutsch“, meinten aber dasselbe. Der Gegensatz zu

„Hochdeutsch“ war in diesem Verständnis nicht „Mundart“

oder „Dialekt“, sondern „Niederdeutsch“. So nannte man

alles, was im norddeutschen („niederdeutschen“) Flachland

gesprochen wurde.

In der Sprachwissenschaft, speziell in der Dialektologie, ver-

wendet man den Terminus „hochdeutsch“ nach wie vor für

alle die Dialekte, die südlich der Lautgrenze von

ik

(Norden)

gegenüber

ich

(Süden),

water

(Norden) gegenüber

Wasser

(Süden) usw. liegen. Das sind die verschiedenen fränkischen

Mundarten, die entlang von Rhein, Main und Mosel gespro-

chen werden, dazu das Thüringische und das Obersäch-

sische mit den Zentren Leipzig und Dresden, ferner das Ale-

mannische, das vom Elsass bis ungefähr zum Lech reicht,

und auch die deutschsprachige Schweiz, Liechtenstein und

das österreichische Vorarlberg umfasst. Zum Hochdeut-

schen gehört schließlich das Bairische, das sich aber nicht

nur auf den Freistaat Bayern beschränkt, sondern auch den

größten Teil Österreichs umfasst. Zum gesamtbairischen

Dialektraum zählt zudem das seit 1918 italienische Südtirol.

Auch im östlichen Böhmerwald und im Egerland, jenseits

der tschechischen Grenze, wurden einmal bairische Mund-

arten gesprochen, die heute nur noch in Resten vorhanden

sind.

Eine Besonderheit sind altertümliche Sprachinseln wie

beispielsweise die „zimbrischen“ Mundarten in den Alpen

nördlich von Verona und Vicenza. Dorthin sind im 12. Jahr-

hundert Siedler aus dem südwestlichen Oberbayern aus-

gewandert. Die isolierte Lage zwischen den Bergen führte

dazu, dass sich bis in die Gegenwart sehr altertümliche

Sprachformen gehalten haben. Veränderungen, die im zu-

sammenhängenden Sprachgebiet abliefen, haben die „Zim-

bern“, die mit dem gleichnamigen Germanenstamm über-

haupt nichts zu tun haben, nicht erreicht. Auch diese

Sprachinselmundarten sind – historisch und sprachgeogra-

fisch gesehen – hochdeutsch. So gesehen kann man sagen:

Bairisch ist Hochdeutsch.

BAYERISCH UND BAIRISCH

Dem aufmerksamen Leser wird es nicht entgangen sein, dass

bisher „bairisch“ mit „i“, aber „Bayern“ mit „y“ geschrieben

worden ist. Das ist keine Schlamperei, sondern eine begrün-

dete Schreibkonvention. Warum? Die Antwort ist einfach:

Einerseits spricht man nur in Teilen von Bayern bairisch

Dialektvielfalt in Bayern

Bairisch ist Hochdeutsch

(in gewisser Weise)

Hans Ulrich Schmid