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EIN NACHWORT ZUM VORWORT

ständigungsprobleme, sondern vielmehr Auffrischung des

bayerischen Wortschatzes mit originellen österreichischen

Wortschöpfungen. Was ich nie vergessen werde: Bei den

ersten Kontakten mit den alten tschechischen Nachbarn

nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurden wir mindes-

tens genauso gut verstanden wie die „hochsprachlichen“

Kollegen – vom Sympathiefaktor ganz zu schweigen.

In den späten 1990ern fiel einem dann aber auch in Passau

ein seltsames Verhalten auf: Hörbar bairisch-sprachliche

Eltern redeten mit ihren Kindern hochdeutsch. Eine Sze-

ne aus meiner Nachbarschaft blieb mir im Gedächtnis:

Die Mutter, eine Lehrerin, sprach mit ihren Kindern hoch-

deutsch, scheinbar so erfolgreich, dass in der Aussprache

der Kinder kein süddeutscher Anklang mehr zu hören war.

Wenn sie aber mit ihren Freundinnen und Freunden allein

daheim waren – und nur dann, redeten die Kinder unter-

einander bairisch. Das Beste aber war: Die Mutter redete,

wenn ihre Kinder außer Haus waren, mit der Katze bairisch.

In München war man, entsprechend dem alten, Passau dis-

kriminierenden Witz – zwei Münchner unterhalten sich,

sagt der eine: „Morgen geht die Welt unter“, darauf der ande-

re: „Macht nichts, ich fahr heut nach Passau, da kommt alles

100 Jahre später.“ – schon ein Stück weiter: Meine Münch-

ner Verwandtschaft beschwerte sich bei der U-Bahnfahrt

angesichts einer in mit Kölner Slang durchmischten Hoch-

sprache parlierenden Jugendgruppe darüber, dass es in der

Stadt nur mehr Preißn gäbe. Nachdem die Gruppe aber im

Gespräch intimste Kenntnisse des Münchner U-Bahnsys-

tems und des Münchner Nordens offenbarte, war klar: Das

waren Einheimische, die hochdeutsch sprachen, aber eigent-

lich auch wieder nicht: Das überwiegend in Köln beheima-

tete Privatfernsehen zeigte hier vermutlich seine Wirkung.

Beruflich zog es mich zu dieser Zeit wieder in den Westen,

genauer nach Augsburg, das mir vertraut und von der

Ansprache meiner Augsburger Tante aus Kindheitstagen

sehr lieb war. Augsburger Dialekt fand ich dann aber nur

mehr sehr selten. In der Augsburger Stadtverwaltung, in

der vor allem Schwaben, Altbayern und Franken arbeiteten,

wurde hochdeutsch gesprochen. Hier passte ich mich in

Form eines süddeutschen Hochdeutsch an, wobei ich merk-

te, dass meine niederbayerischen Ausrutscher bestens anka-

men. Der erfolgreichste Augsburger Unternehmer sagte

sogar einmal zu mir, dass man mit mir bayerisch reden kön-

ne – was er ehrlich erleichtert und im Sinne von Klartext

reden meinte.

Nach der bestandenen Augsburger Probe wurde ich Direk-

tor des Hauses der Bayerischen Geschichte und dabei war

meine intensive Kenntnis des Bayerischen im Allgemeinen

und des aktiven Mittelbairischen im Besonderen natürlich

ein kapitaler Vorteil. Bayerisch ist beliebt, man wird es nicht

glauben, vor allem in Norddeutschland. „Sie kommen ja aus

Bayern, da muss ich unbedingt wieder hin!“, höre ich oft.

Nur im Ruhrpott werde ich regelmäßig ausgeschimpft, weil

man hier nur mehr Bier in Riesengläsern bekomme und die

Bajuwarisierung der Bundesrepublik auch sonst nicht mehr

auszuhalten sei. „Wer koa, der koa“, wird dann auch schon

in Essen verstanden.

Im Haus der Bayerischen Geschichte reden meine Mitarbei-

terinnen und Mitarbeiter mit mir, soweit sie es noch können,

Dialekt. Wenn ich nicht dabei bin, reden einige untereinan-

der hochdeutsch. Besonders unterhaltsam finde ich es, wenn

ich wegen meiner bairischen Ansprache verwunderte Blicke

ernte, zum Beispiel bei einer hochkarätig besetzten Runde in

der Herzkammer der Bayerischen Staatskanzlei, wobei mir

kein Geringerer als der Bayerische Ministerpräsident unter-

stützend zur Seite sprang.

Was ich damit sagen möchte: Mir ist es als bairischer Native

Speaker auf meinem Lebensweg bestens ergangen. Mich

ärgert es als „Passauer“ aber auch nicht, wenn ich in Mün-

chen für einen Österreicher gehalten werde. Traurig macht

mich, wenn ich im Gespräch mit jungen Münchnern häufig

das ehrlich gemeinte Bedauern erfahre, dass sie halt nicht

mehr richtig bayerisch gelernt hätten. Deshalb finde ich es

schon schad, dass vor allem in den Städten die Dialekte ver-

schwinden. Bayerisch macht nicht nur Freude, es qualifiziert

durch vielfältigere sprachliche Fähigkeiten zu einem besse-

ren Schriftdeutsch – das ist mittlerweile ein Gemeinplatz,

auch wenn er sich noch nicht in jedem Kindergarten und in

jeder Schule herumgesprochen hat. Daran kann man aber

den Pädagoginnen und Pädagogen nicht die alleinige Schuld

geben. Es ist ein allgemeines gesellschaftliches Phänomen.

Und hinter dem auftrumpfenden „Mia san mia“ steckt letzt-

lich vielleicht doch nur ein kapitaler Minderwertigkeits-

komplex.

Jeder will halt gescheit sein und dazu gehört nach dem all-

gemein verbreiteten Klischee das Hochdeutschsprechen. In

den seltensten Fällen kommt aber auch wirklich ein Hoch-

deutsch heraus, oft ist es nur ein an nördlichere Gefilde

angelehnter „Slang“. „Braucht’s des?“, fragt sich der Bayer.

„Money talks Hochdeutsch“ – könnte man in Abwand-

lung der Ergebnisse der Kollegen Moffat und Wilson zur

Sprachentwicklung in Schottland („Money talked English“,

in: The Scots. A Genetic Journey, Edinburgh 2011, S. 203)

sagen. Nur: Englisch hört sich in Edinburgh anders an wie

in Liverpool oder London. Es ist ein schottisches Englisch.

Warum sollte Vergleichbares in Bayern nicht gelingen?

Der Einwand der Zuwanderung sticht dabei nur begrenzt.

Unseren südlichen europäischen Landsleuten liegt das Süd-

deutsche vielfach hörbar näher. Dies gilt besonders für die

Nachfolgestaaten der einstigen Donaumonarchie, deren

Sprachen durch „Austriazismen“, also im Grunde bairische

Anlaute, mitgeprägt sind. Eine süddeutsche Sprache in

Bayern wäre erreichbar. Das muss man nur wollen. Außer

uns ist es lieber, nur noch in den Klischees bayerisch zu

sein. Und die sind – betrachtet man etwa die Dirndl- und

Lederhosenflut auf den Festen von Cannstatt bis Hamburg –

längst nicht mehr nur bayerisch, sondern gesamtdeutsch.