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ie ist mir schon ein Anliegen – meine bairische Spra-

che. Als Native Speaker in meiner niederbayerischen

Heimat aufgewachsen, hat sie mich stark geprägt. In

meiner Handwerkerfamilie mit vielen Kontakten zu

Bauern wie „Stadterern“ habe ich früh den Reichtum der

Dialekte erlebt, die vielfältigen Aussprachen mit ihren klei-

nen Nuancen, die die Sprecher geografisch verorten halfen,

und sei es nur in die Nachbarorte nördlich oder südlich

der Donau. Der jovial auftretende Münchner Professor mit

gepflegtem süddeutschen Hochdeutsch und, wenn er moch-

te, schönstemMünchner Bairisch oder die Augsburger Tante

mit demwunderbaren schwäbisch-bayerischen Singsang der

alten Großstadt erweiterten den Horizont. Im Gymnasium

kamen die Oberpfälzer und Franken dazu, von mir geradezu

geliebt das Nürnbergerisch des Schulkameraden, das immer

dann in seiner vollen Wucht durchbrach, wenn man ihn als

Beutebayern aufzog. Nie werde ich die Begrüßungsanspra-

che unseres Niederaltaicher Abtes vergessen, der den Fünft-

klässlern mitteilte, dass sie zuerst einmal anständig Latein

und dann Schriftdeutsch lernen würden, außerhalb des

Klassenzimmers aber wieder zum Bairischen überwechseln

sollten, denn das Bairische sei die wahre Sprache Gottes. In

den 1970er-Jahren kamen an meinem Heimatort die Gast-

arbeiter hinzu, ihre am besten integrierten Kinder wuchsen

zwei- bis dreisprachig auf: türkisch-bairisch-deutsch. Eines

der intelligentesten von ihnen sollte später als bayerischer

Kabarettist „Django Asül“ Karriere machen.

In diese multikulturell-niederbayerische Welt brachen dann

die (manchmal auch nur vorgeblich) norddeutschen Lehre-

rinnen und Lehrer ein. Einer von ihnen verbat sich jeglichen

bayerischen Anklang. Seine Aufgabe sei es, seine Zöglinge

für das Berufsleben zu rüsten, und hier erwarte man klares

„nördlich“ anlautendes Hochdeutsch. Als Unterrichtslektü-

re wurde passenderweise – wie er glaubte – der „Hauptmann

von Köpenick“ verordnet. Der uns heimlich schon Freude

machte, aufgrund der zum Lehrer gefassten Antipathie wäh-

rend des Unterrichts aber simultan ins Bairische übersetzt

wurde. Nachdem dies nur eine der harmloseren Missfallens-

kundgebungen war, intervenierte die Schulleitung und teilte

mit, dass unser Lehrer ein Maximilianeer und früherer Mit-

arbeiter der Bayerischen Staatskanzlei sei, also ein Spitzen-

mann. Wir sollten uns gefälligst zusammenreißen. Dadurch

wurde das Verhältnis nicht besser, bis der Lehrer in seiner

Verzweiflung einmal ins Bairische fiel. Jetzt war der gar kein

„Preiß“, sondern ein Münchner! Was wir dann überhaupt

nicht mehr verstanden.

Freilich, das Hochdeutsche war schon auch in Niederbay-

ern präsent. Schulkameradinnen aus der nahen (in Eigen-

definition) Großstadt Deggendorf gerierten sich als höhere

Töchter aus Akademikerfamilien und spitzten im Gespräch

die Münder zur geflissentlichen Hochsprache. Wir Bauern-

und Handwerkerkinder blieben erst recht beim Dialekt, der

sich auch als Ausdrucksmittel des Widerstands bewährte –

neben längeren Haaren und Hardrockmusik. Hochdeutsch

redete ich, wie es mir daheim im Geschäft eingeimpft wor-

den war, nur mit „Preißn“ und „Gstudierten“, wobei sich

der im Nachbarhaus praktizierende Notar aus Oberbayern

beschwerte, dass der Bub mit dem schönen Bairisch mit ihm

Schriftdeutsch rede. Ähnliches hörte ich von einem – wie ich

erst später begriff – berühmten Geschichtsprofessor, der sich

bei seiner Geburtstagsfeier köstlich über seine festredenden

Kollegen amüsierte: „Schau hi, Bua, wia’s an Fotz spitzn!“

Derart gerüstet, trat ich in den 1980er-Jahren mein Hoch-

schulstudium in München an. Bei den ersten Referaten

lernte ich, dass noch mein bestes Hochdeutsch sofort den

bairischen Native Speaker entlarvte. Das bescherte mir

abwertendes wie gefälliges Lächeln der Kommilitonen und

Kommilitoninnen. Was sich aber verflüchtigte, also das

abwertende, weil ich dann aus Trotz auf das Übersetzen der

fremdsprachigen Zitate verzichtete – in Französisch und

vor allem Latein war ich als Klosterschüler unschlagbar,

in aller Bescheidenheit gesagt. Bei den Bitten um Überset-

zung konnte ich auf die offenbar fehlende Sprachbegabung

der Lächler verweisen, zur großen Freude des aus Ingolstadt

stammenden Professors.

Mit am liebsten war ich im Institut für Bayerische Geschich-

te in der Ludwigstraße, auch weil sich hier immer Mutter-

sprachler fanden. Im Assistentenzimmer kamen wie an

meiner Schule viele Dialekte zusammen – aus dem Allgäu,

dem Lechrain, dem übrigen Oberbayern, der Oberpfalz. Wir

verstanden uns blendend, auch wenn sich unser Professor

köstlich über das von ihm angerichtete „babylonische Spra-

chengewirr“ amüsierte.

Von München führte mich der Berufsweg nach Passau in

die niederbayerische Heimat. Hier war die Welt noch in

Ordnung, rein sprachlich gesehen. Selbst oberbayerische

Anklänge wurden als extrem norddeutsch empfunden. Mit

den österreichischen Nachbarn gab es sowieso keine Ver-

Was mir noch wichtig ist – Ein Nachwort zum Vorwort

Richard Loibl