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VORWORT

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stellte, dass das Werk seines Dichterkollegen Oskar Maria

Graf das eines „‚hoch‘-deutschen Dichters, eines bayeri-

schen Dichters“ sei, diese Kenntnis ist heute nur mehr bei

Sprachwissenschaftlern und Dialektforschern verbreitet.

Dem wollen wir abhelfen: „Bairisch ist Hochdeutsch (in

gewisser Weise)“ ist der umfassende Beitrag von Hans

Ulrich Schmid überschrieben. Reinhard Wittmann hat für

unser Heft nicht nur eine furiose Polemik über „Macht und

Dialekt“ verfasst, sondern auch ein Schatzkästlein zusam-

mengestellt, in dem sich süddeutsches und „nördliches“

Hochdeutsch gegenüberstehen. Die auf knapp 100 Empfeh-

lungen beschränkte Auswahl für südliches Hochdeutsch, die

sich hier in Form einer lebenden Kolumne durch das ganze

Heft zieht, fußt auf Ludwig Zehetners in der vierten Auflage

erschienenem Buch „Bairisches Deutsch. Lexikon der deut-

schen Sprache in Altbayern“, dem auch ein Umkehrwörter-

buch beigegeben ist. Ein weiteres Schatzkasterl hat Andrea

Schamberger-Hirt mit Kostbarkeiten aus der Mundart ge-

füllt, während sich Regina Frisch dem Dialekt im „Bayeri-

schen Kochbuch“ widmet.

Von der Vielfalt des Dialekts in Bayern berichten Alexan-

der Glück, der sich „Dachlosen Außenmundarten“ widmet,

Alfred Klepsch, der den Resten des Jiddischen in Franken

nachspürt, Hermann Scheuringer, der zum Stand der baye-

rischen Dialektologie referiert, Mechthild Habermann,

die das Fränkische Wörterbuch vorstellt, während Werner

König und Sabine Mayr den „Sprechenden Sprachatlas“ von

Bayern präsentieren. Edith Funk beleuchtet mit der Flur-

und Ortsnamenforschung einen wichtigen Aspekt der Dia-

lektforschung, insofern Flur- und Ortsnamen einen Sprach-

schatz darstellen, der – wie kein anderer – heute oft kaum

mehr bekannte Bedeutungen bewahrt.

Dem schier unerschöpflichenThema „Dialekt und Literatur“

widmen sich – abgesehen von einer anthologischen Liebes-

erklärung an die Literatur inBayern aus der FederGerdHolz-

heimers – der Queri-Kenner Michael Stephan sowie Günter

Stössel, der Verfasser des „fränkischen“ Asterix, und die in

München beheimatete Übersetzerin Agnieszka Kowaluk,

die sich die Frage stellt, wie sich ihr Bairisch ins Polnische

übertragen lässt. Einen Aspekt, der dem Dialekt aus Bayern

weit über die Grenzen hinaus zu Popularität verholfen hat,

ruft Andreas Koll in seinem Beitrag über die legendäre

Theatertruppe der „Schlierseer“ in Erinnerung und auch das

Dass der Dialekt nichts Gestriges ist und zunehmend in der jungen

Szene seinen Weg gefunden hat, belegen so moderne Formen wie

Poetry Slams in Bairisch. Vor allem aber in der (Volks-)Musik wird das

Althergebrachte aufgemischt und seit den Anfängen, etwa mit Willy

Michl, der Spider Murphy Gang oder der Biermösl Blosn, immer wie-

der neu geformt. Das Foto auf dem Titelblatt zeigt La Brass Banda,

die mit ihrem bayerischen Gypsy Brass, Funk Brass oder Alpen Jazz,

wie sie selbst ihre Musik bezeichnen, seit 2007 erfolgreich zwischen

Übersee am Chiemsee und Akademgorodok, Simbabwe und Ros-

kilde, Erlangen und Hamburg unterwegs ist.

Der legendäre Spruch „Wer ko, der ko“ wird gern angeführt, wenn es

gilt, den Bayern eine gewisse Mutwilligkeit, ja Kraftmeierei, gepaart

mit deutlicher Verachtung für „die da oben“, zuzusprechen. Er geht

zurück auf einen Ausspruch, den der Pferdehändler und Lohnkut-

scher Franz Xaver Krenkl (1780 –1860) getan haben soll, als er sich

erdreistete, im Englischen Garten in München mit seinem Sechs-

spänner die königliche Equipage zu überholen – ein ungeheuer-

licher Fauxpax, eine Grenzüberschreitung, gesteigert noch durch

den Zuruf an den in der Kutsche sitzenden König Ludwig I.:

„Majestät [wahlweise Königliche Hoheit], wer ko, der ko.“ Die Illus-

tration von Paul Neu aus der Jahrhundertwende zeigt den Bekannt-

heitsgrad dieses selbstbewussten Ausdrucks, der heutzutage viel-

leicht nur übertroffen wird vom allseits zitierten „Mia san mia!“ Wir

aber machen ihn uns beim Titel unseres Heftes zunutze, der sich aus

der „word-cloud“, die wir in Georg von Dillis’ Wolkenstudie einge-

schrieben haben, ergibt: „Wer ko, der ko Süddeutsch und Bairisch“.