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VORWORT

Unter dieses Motto wollen wir das achte Sonderheft der

Reihe EDITION BAYERN stellen.

„Im Dialekt des donauschwäbischen Dorfes, in dem ich auf-

gewachsen bin, sagte man: Der Wind geht. Im Hochdeut-

schen, das man in der Schule sprach, sagte man: Der Wind

weht. Und das klang für mich als Siebenjährige, als würde

er sich wehtun. Und im Rumänischen, das ich damals in der

Schule zu lernen begann, sagte man: Der Wind schlägt, vin-

tul bate. Das klang damals, als würde er anderen wehtun …

Jede Sprache sieht die Welt anders an, hat ihr gesamtes

Vokabular durch diese andere Sicht anders gefunden … In

jeder Sprache sitzen andere Augen in den Wörtern.“ Was

die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hier am ein-

prägsamen Beispiel zeigt (ein Text anlässlich des 50-jäh-

rigen Jubiläums des Goethe-Instituts 2001, zitiert nach

www.dhm.de/archiv/ausstellungen/goethe/katalog/mueller.

htm), verweist auf den ungeheuren immateriellen Reichtum,

den die Menschen Europas an ihren vielen Sprachen und

unzähligen Dialekten haben. Das Bild der in den Wörtern

sitzenden Augen ist eine poetische Variation des vor allem

in den Nachfolgestaaten der vielsprachigen k.u.k.-Monar-

chie populären Satzes: „So viele Sprachen Du sprichst, so

oft bist Du Mensch.“ Der Satz stammt übrigens vom ersten

Präsidenten des 1918 neu geschaffenen Vielvölkerstaates

Tschechoslowakei, vom Philosophen und Weltbürger Tomáš

Garrigue Masaryk. Mit grausamer Deutlichkeit haben die

Brüche und Verwerfungen des 20. Jahrhunderts gerade in

Zentraleuropa gezeigt, wie recht Masaryk darin hatte, dass

sprachliche Vielfalt und Menschsein viel miteinander zu

tun haben – und dass die Ermordung, die Vertreibung, die

Mundtotmachung von Menschen immer auch Sprachen und

Dialekte vernichtet, damit auch Heimat. Je weniger selbst-

verständlich der Dialekt ist, umso mehr wird er emotional

aufgeladen. Dialekt verbindet – kaum jemand wird sich dem

schwer zu beschreibenden „Heimat“-Gefühl entziehen kön-

nen, hört er in der Fremde, unerwartet, heimatliche, also dia-

lektale Töne. Andererseits: Dialekt kann ausgrenzen. „Bitte

kein Bairisch“, fleht Kemoh Mansaray aus Sierra Leone sei-

ne Kollegen bei den Münchner Stadtwerken an, denn nur

in der Hochsprache komme er so gut zurecht, dass er mit

der Sprachbeherrschung eine Grundvoraussetzung für das

Bleiberecht erfüllt (Süddeutsche Zeitung Nr. 204, S. 58). Und

wiederum anders: Der aus Niederbayern stammende Bari-

ton Christian Gerhaher, einer der renommiertesten Lied-

und Opernsänger, bekannte – angesprochen auf den nieder-

bayerischen Dialekt: „Ich spreche im Alltag schon Bairisch,

hatte beim Singen aber nie Probleme mit dem Dialekt. Ich

komme sogar immer mehr dahinter, dass ich eine leichte

Krümmung der gesungenen Sprache in Richtung Umgangs-

sprache ganz gern mag.“ (SZ-Magazin Heft 4/2015)

Abseits dieses stets aktuellen Gegensatzes pro und kontra

Dialekt bereitet das vorliegende Heft das Thema in ver-

schiedenen Perspektiven und Facetten auf. Dazu gehört die

oft feststellbare größere Genauigkeit der Sprachbilder und

Begriffe im Dialekt, der immer vom Konkreten kommt und

das Abstrakte aus der Lebenswirklichkeit ableitet – etwa

wenn man die höchst präzisen bairischen Grammatik-

formen des Konjunktivs betrachtet: die Skepsis gegenüber

einer Wirklichkeit, der man sich schon stellen würde, wenn

man sich trauen könnte, wie man tief in der Seele fühlen

täte, sollten die Umstände entsprechend sein. Oder: Trau-

en täten wir uns schon wollen, wenn wir könnten, wie wir

mögen täten. Was man in einer bestimmten Situation, wie

es Oskar Maria Graf gezeigt hat, aber durchaus auch in zwei

Worten ausdrücken kann. Darüber, über das Mögliche im

Wirklichen, sinniert tiefgründig Gerd Holzheimer in seinen

Beiträgen über das Konjunktivische im Bairischen, wobei er

sich hier Bayern und das benachbarte Österreich vorgenom-

men hat.

Das eigentliche Anliegen dieses Heftes aber ist es, die im

allgemeinen Bewusstsein vorherrschende Dominanz, ja

vermeintliche Überlegenheit der als „norddeutsch“ emp-

fundenen Hochsprache zu widerlegen beziehungsweise die

Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass unsere Hochspra-

che eben gerade nicht aus den niederdeutschen Sprachen

Norddeutschlands kommt, sondern süddeutschen Ur-

sprungs ist und insofern ihre „Bereinigung“ von süddeut-

schen Elementen widersinnig ist. Wenn in der Bayerischen

Verfassung von 1946 von Buben (und Mädchen) und nicht

von Jungen oder Knaben die Rede ist, so ist dies mitnich-

ten dem Dialekt geschuldet als vielmehr der süddeutschen

Herkunft der Hochsprache, die seither mehr und mehr in

Vergessenheit geraten ist. Den süddeutschen Anteil an der

Hochsprache ins Bewusstsein zu rufen und damit vielleicht

zu stärken, könnte die Dinge etwas geraderücken. Denn was

einem Lion Feuchtwanger noch geläufig war, wenn er fest-

Damit wir sprechen

wie wir reden