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DIALEKTVIELFALT IN BAYERN

alle

(adv.)

æhtiv. oldir nvni oldir cehin schillingi. vn- ain phunt wahsis.

daz ist zwo marc. vmbiæhtiv. oldir nvni. oldir cehin pfenningi

ouspurgeri. Erniwissi nihaini giwishait umbi daz wahs wie uil

er des birdorfti.“

„In Giselhartsried wird angeordnet: Mähe ich von jeman-

dem die Wiese, dann helfe er es rechen und zerteilen. In der

‚Feisten Au‘ werden dreißig Käse gegeben. Stockingen [hier

fehlt eine Zahlenangabe] Käse. Pflüge ich eines anderen

Mannes Acker und baue ihn an, so nehme ich für den Pflug

eine Garbe, für das Saatgut die zweite, für den Acker die drit-

te. Dünge ich ihn auch, genau dasselbe. Den Roggen und den

Weizen und das Korn und die Gerste und die Bohnen muss

[ich] ihm ebenso oft düngen, wenn man sie sät. Den Hafer

sät man nach ihnen ungedüngt. Er ist aber immer schlechter

und schlechter. Und Erbsen. Rossmist und Ziegenmist sind

am allerbesten. Dachsmist ist besser als von Moosheu. Zwei

Scheffel davon im Speicher sind ein Malter und eine Metze,

drei Malter ein Burgscheffel. Ein Burgscheffel ist drei Mal-

ter und eine Metze Roggen oder Kern. Jetzt, das heißt im

Jahr 1200. Zwei Scheffel davon im Speicher sind ein Malter.

Der Herr Sibot, der Mesner, sagte, wenn er weniger hätte als

sechs Waag [das ist eine Gewichtseinheit] Unschlitt zusam-

men pro Jahr. Das wäre ihm zu wenig und [er] würde sie

am Sankt Martinstag entweder um siebeneinhalb Schilling

oder acht oder neun oder zehn Schilling kaufen. Und [erg.

er würde kaufen] ein Pfund Wachs, das ist zwei Mark für

acht oder neun oder zehn Augsburger Pfennige. Er hätte kei-

ne Gewissheit über das Wachs, wie viel er davon brauche.“

Während die adligen Damen und Herren auf den Burgen

den Liedern eines Walther von der Vogelweide oder den

Versen über Liebe und Rache der Krimhild lauschten,

schrieb man anderswo über Dünger aus verfaulten Tannen-

nadeln, über Moosheu und die Qualität von Pferde- und

Ziegenmist. Auf den Burgen leistete man sich den Luxus von

Bienenwachskerzen, im Füssener Kloster sorgte sich derweil

jemand um Unschlitt, billiges Kerzenmaterial aus Rinder-

talg. Der zitierte Text ist mit Abstand der früheste seiner Art

nicht nur aus Bayern, sondern weit darüber hinaus. Erst aus

dem Spätmittelalter, aus dem 14. und 15. Jahrhundert, sind

vergleichbare Quellen erhalten, die uns etwas vom Alltagsle-

ben der Menschen zeigen und uns eine Vorstellung von der

damaligen Alltagssprache geben.

„ZERZERRTE“ WÖRTER – WIE KLANG BAIRISCH

IM MITTELALTER?

Natürlich wussten auch schon Menschen vergangener Jahr-

hunderte, dass es unterschiedliche Dialekte gab: Händler

und Kaufleute kamen in ganz Deutschland und Europa

herum und Wallfahrten waren ungemein populär. Wer

von Bayern aus eine so genannte Achfahrt unternahm, eine

Wallfahrt nach Aachen zum Grab Karls des Großen, der

hörte unterwegs die verschiedensten fränkischen Dialekte

und am Ziel, in den Gassen um die Pfalzkapelle, eine Mund-

art, die schon vieles mit dem Niederdeutschen gemeinsam

hatte. Hugo von Trimberg (gest. um 1313), ein dichtender

Bamberger Schulmeister, äußerte sich in seinem „Renner“,

einer voluminösen Lehrdichtung mit annähernd 25000 Ver-

sen, die im wahrsten Sinn des Wortes von Gott und der Welt

handelt, auch über deutsche Dialekte:

„Swâben ir wörter spaltent,

Die Franken ein teil si valtent,

Die Beier si zezerrent,

Die Düringe si ûf sperrent,

Die Sahsen si bezückent,

Die Rînliute si verdrückent,

Die Wetereiber si würgent,

Die Mîsener si vol schürgent,

Egerlant si swenkent,

Oesterrîche si schrenkent,

Stîrlant si baz lenkent,

Kernde ein teil si senkent.“

„Die Schwaben spalten ihre Wörter, die Franken falten sie

teilweise zusammen, die Bayern zerren sie auseinander, die

Thüringer spreizen sie auf, die Sachsen ziehen sie schnell

weg, die Rheinländer quetschen sie, die Wetterauer würgen

sie, die Meißner schieben sie, die Egerländer schwenken sie,

die Österreicher verschränken sie, die Steyrer lenken sie bes-

ser, die Kärntner drücken sie teilweise nieder.“

Das älteste bairische Sprachzeugnis? Runenschrift im Kleinen

Schulerloch bei Essing: „BIRG LEUB SELBRADE“.

Apfelsine