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Abendessen

SCHMID · BAIRISCH IST HOCHDEUTSCH

9

schen Überlieferung. „Wessobrunner Gebet“ und „Muspilli“

sind freilich die Glanzlichter. Auch eine verlorene Fassung

des berühmten „Hildebrandslieds“, in dem Vater und Sohn

zum tragischen Kampf gegeneinander antreten und der

Vater gezwungen ist, seinen Sohn zu töten, muss bairisch

gewesen sein. Die einzige erhaltene Handschrift aus dem

frühen 9. Jahrhundert stammt aus dem Kloster Fulda, wo

jemand versucht hat, das bairische Lied mehr schlecht als

recht ins Niederdeutsche umzusetzen, wobei die bairische

Vorlage aufgrund charakteristischer Sprachformen noch an

vielen Stellen zu erkennen ist.

Insgesamt sind die literarischen Erzeugnisse der altbay-

erischen Klöster jedoch fast ausschließlich fromm oder

gelehrt oder beides. Man hat ja auch nur in Klöstern oder

an Domschulen geschrieben. Bis in das Hochmittelalter und

darüber hinaus wurden in lateinische Bibeln, aber auch in

Handschriften mit Werken antiker Schriftsteller zwischen

den Zeilen und an den Blatträndern Worterläuterungen,

so genannte Glossen, eingetragen. Ohne dieses Material

wüssten wir heute weit weniger über die älteste Phase der

bairischen und damit auch der deutschen Sprachgeschichte.

VON SCHLÜSSELEIN UND ZIEGENMIST – BAYERISCHES

IM HOCH- UND SPÄTMITTELALTER

Auch an der „klassischen“ mittelalterlichen Literatur hat der

bairische (und bayerische) Raum erheblichen Anteil. Die

ersten Minnelieder wurden von Dichtern entlang der Donau

gesungen. Mitten in einer Handschrift aus Tegernsee mit

lateinischen Briefen erscheint unvermittelt folgendes mit-

telhochdeutsches Gedicht eines anonymen Verfassers (oder

einer Verfasserin?):

„Dû bist mîn, ich bin dîn.

des solt dû gewis sîn.

dû bist beslozzen

in mînem herzen,

verlorn ist das sluzzelîn:

dû muost ouch immêr darinne sîn.“

Diese Verse sind in ihrer Schlichtheit so leicht verständlich,

dass sich eine Übersetzung erübrigt. Für einen heutigen

Leser vielleicht ebenso anrührend ist ein Lied eines Minne-

sängers, von dem man nur den Namen Kürenberger, nicht

aber die Identität kennt. Das Lied handelt von einem Falken

als Allegorie für einen davonziehenden Geliebten:

„Ich zôch mir einen valken mêre danne ein jâr.

dô ich in gezamete, als ich in wolte hân,

und ich im sîn gevidere mit golde wol bewant,

er huop sich ûf vil hôhe und vlouc in anderiu lant.

Sît sach ich den valken schône vliegen,

er vuorte an sînem vuoze sîdîne riemen,

und was im sîn gevidere alrôt guldîn.

got sende sî zesamene, die gelieb wellen gerne sîn!“

„Ich zog mir einen Falken groß, über ein Jahr lang.

Und als ich ihn so gezähmt hatte,

wie ich ihn haben wollte,

und sein Gefieder mit Gold durchwirkt hatte,

da erhob er sich hoch in die Luft und

flog in andere Länder.

Da sah ich den Falken prächtig fliegen.

Er hatte an seinem Fuß seidene Bänder

und sein Gefieder war über und über voller Gold.

Gott lasse die zusammenkommen,

die sich lieben wollen.“

Dasselbe Versmaß wie die Lieder des Kürenberger zeigt auch

das berühmte „Nibelungenlied“, das um 1200 im Donau-

raum, vielleicht in Passau, entstanden ist. Diese Lokalisie-

rung ergibt sich aus den genauen Ortskenntnissen des (ano-

nymen) Dichters: Je näher der Nibelungenzug auf dem Weg

zur Etzelsburg an die Bischofsstadt Passau herankommt,

desto präziser werden die Ortsangaben, je weiter er sich

entfernt, desto mehr verlieren sich die geografischen Kennt-

nisse. Auch der vielleicht bekannteste aller Minnesänger,

Walther von der Vogelweide, war ein Landsmann und Zeit-

genosse des Nibelungendichters.

Die literarisch herausragenden mittelhochdeutschen Dich-

tungen aus Bayern gestatten allerdings nur sehr begrenzte

Einblicke in die wirklichen Sprachverhältnisse ihrer Zeit. Es

handelt sich um hoch artifizielle Werke in stark stilisierter

Sprache. Einfache Leute kommen kaum „zu Wort“. Die ein-

fachen Leute, ihr Leben und ihre Sprache waren noch lange

nicht literaturfähig. Nur ganz sporadisch gibt es Zeugnisse

der historischen Alltagssprache des Hochmittelalters. Ein

sehr frühes Beispiel stammt aus Füssen, einer Stadt, die zwar

nicht bairisch, wohl aber bayerisch ist. Im Jahr 1200 schrieb

ein Mönch im dortigen Kloster St.Mang den nachstehenden

Text nieder, eine Mischung aus Abgabenvorschriften, land-

wirtschaftlichen Empfehlungen und Umrechnungsangaben.

Um einen Eindruck vom Aussehen der damaligen Sprache

zu geben, hier ein Auszug im Originalwortlaut:

„Mæigi ich ainis wisi. so helf erz rechin. vn- tailen ez. In der

uaiztun eu. dantur XXX. casei Stokkingen casei. Ergich ainis

andirn mannis akir. vn- segin so nim ich dim pfluogi. aini gar-

bi. dimi samin die andirun. dim akiri. dir drittun. Tungin

ouch. al daz selbi. Dim roggin. vn- dim waizzin. vn- dimi ker-

nin. vn- gerstun. vn- bonon. muozimi alsi diki tungin. somisi

sê¸t. Den habirn. se¸timi wol nah in ungitvngit. er ist abir ie

bo¸sir vn- bosir. vn- ærwizzi. Rossimist vn- gaizimist sint allir-

besti. De¸hsimist ist bezzir denni mosiheuwis.

Zweni scheffili des imi spicheri. ist ain maltir. vn- ain metzi.

Driv maltir. ain burcscheffil. Ain burcscheffil. ist driv malter

vn- ain metzi. roggin oldir kernin. iezov. idest. anno

M.CC

.

Zweni scheffili des imi spicheri. sint ain maltir. Dir herri sibot

dir custir sprach. swenner minnir heti denni sehs wagi un-

slidis zainimi iari. des werimi zilutzil. vn- coufti die umbi santi

martinis missi ainwedir umbi ahtodinhalbin schillinc. oldir

abspülen