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DIALEKTVIELFALT IN BAYERN

Abendbrot

(in Oberbayern, Niederbayern, der Oberpfalz und einigen

angrenzenden Gebieten) und andererseits sind auch Dia-

lekte außerhalb von Bayern bairisch (wie eben dargelegt).

Lange Zeit wurden unterschiedliche Schreibweisen verwen-

det:

Bayern

und

Baiern

ebenso wie

Beiern

oder

Beyern.

Erst

der griechenlandbegeisterte Ludwig I. war es, der im19. Jahr-

hundert mit königlicher Hand orthografische Ordnung

schuf, indem er verfügte, dass der Name seines Herrschafts-

gebiets fürderhin mit „y“ zu schreiben sei. Das sah einfach

klassisch-griechischer aus. Zum damaligen Bayern gehörten

außer dem so genannten Altbayern nicht nur die heute noch

bayerischen fränkischen Bezirke sowie (Bayerisch-)Schwa-

ben, sondern auch die Pfalz mit der schönen Stadt Speyer

(auch sie mit „y“ zu schreiben), eine Exklave, die dem Frei-

staat mittlerweile allerdings abhanden gekommen ist. Ob

nun mit oder ohne Pfalz: Meint man die politische Einheit,

schreibt man

Bayern

bzw.

bay(e)risch.

Diese Festlegung der

Schreibung mit „y“ auf den Territorialnamen erlaubt es, die

Schreibweise mit „i“ für das Dialektgebiet zu verwenden.

Das heißt: Auch in Bozen, Salzburg und Wien spricht man

bairische

Dialekte.

WÖRTERBUCH UND WELTENBRAND – FRÜHESTE

SPRACHSPUREN DES BAIRISCHEN

Verglichen mit anderen germanischen Stämmen, den Goten,

Sachsen, Franken oder Alemannen, traten die Bajuwaren

erst spät in das dämmerige Licht der spätantik-frühmittel-

alterlichen Geschichte. Die frühesten Erwähnungen finden

sich bei lateinischen Autoren des 6. Jahrhunderts. Der Gote

Jordanes (gest. nach 552) sagt lediglich, dass die „Baibari“

(so seine Schreibweise) die östlichen Nachbarn der Aleman-

nen seien. Etwas später erwähnt Venantius Fortunatus (gest.

nach 600), dass der „Baiovarius“ (er verwendet den lateini-

schen Singular) von Augsburg aus gesehen jenseits des Lechs

siedle. Über Sprache, Land und Leute erfährt man von bei-

den Autoren nichts. Eine merkwürdige Quelle ist die alt-

englische Übersetzung der lateinischen Weltgeschichte des

Orosius (gest. um 418) durch den englischen König Alfred

den Großen (gest. 899), der zusätzlich eigenes Wissen ein-

fließen lässt. Er lokalisiert die „Baegware“ – so der alteng-

lische Name – östlich von den „Swaefas“, den Schwaben, in

einem Land, das „Regnesburg“ heißt. Bayern wird aus insu-

larer Sicht also mit Regensburg identifiziert.

Aus den Tagen des Jordanes und des Venantius Fortunatus

sind noch keine bairischen Sprachspuren überliefert – es sei

denn man hält eine Runenschrift im Kleinen Schulerloch

bei Essing nahe Kelheim für echt. Dort steht neben dem

Höhleneingang in den Felsen eingeritzt „BIRG LEUB SELB-

RADE“, was so viel hieße wie ‚Birg Liebes dem Selbrad‘. Das

ist als Liebesgruß einer

Birg

an einen

Selbrad

zu deuten. Der

Sprachstand würde ungefähr in die Zeit des Venantius wei-

sen. Zwar wurden erhebliche Zweifel an der Echtheit geäu-

ßert, doch ist auch nicht schlagend bewiesen, dass es sich

um eine Fälschung handelt. Und überhaupt: Die Vorstel-

lung, dass in frühbajuwarischer Zeit eine runenkundige Birg

im Felsen über der Altmühl an ihren Selbrad (und an uns)

eine Liebesbotschaft hinterlassen hat, ist zu romantisch, als

dass man sich endgültig von ihr verabschieden wollte. Sollte

sich hinter Birg aber ein gelehrter Spaßvogel des frühen

20. Jahrhunderts verbergen, so muss man ihm das Kompli-

ment machen, dass er sich mit historischer Grammatik und

authentischen Runenformen sehr gut auskannte.

Gesicherte frühe Zeugnisse des Bairischen gibt es erst we-

sentlich später, und zwar nicht von verliebten Mädchen in

Stein geritzt, sondern von frommen Mönchen mit Tinte

auf Pergament geschrieben. Ein spätantikes Wörterbuch,

das teilweise ausgefallene lateinische Wörter mit ebenfalls

lateinischen Umschreibungen erklärt, wurde höchstwahr-

scheinlich um die Mitte des 8. Jahrhunderts in St. Emmeram

in Regensburg abgeschrieben und dabei auch mit volks-

sprachigen Wörtern in einer bairischen Variante des Alt-

hochdeutschen angereichert. Es gilt gemeinhin als „ältestes

deutsches Buch“. In der Forschung heißt das Buch „Abro-

gans“, weil

abrogans

das erste darin behandelte (lateinische)

Stichwort ist. Es bedeutet ‚bescheiden‘, ‚demütig‘. Die Über-

setzungswörter in einem sehr altertümlichen Bairisch sind

aotmot, deomuodi, samftmoati.

Die beiden letztgenannten

Wörter können leicht mit unserem ‚demütig‘ und ‚sanftmü-

tig‘ in Zusammenhang gebracht werden. Aus St. Emmeram

stammt eine von drei erhaltenen Handschriften, die heute in

der Bibliothèque nationale in Paris aufbewahrt wird.

Der lateinisch-altbairische „Abrogans“ ist das gelehrte Werk

eines Philologen, aber auch Poetisches hat sich aus dem

bairischen Frühmittelalter erhalten. Das „Wessobrunner

Gebet“ und das so genannte „Muspilli“ sind die prominen-

testen Beispiele. Im Gedicht aus Wessobrunn geht es da-

rum, was vor der Erschaffung der Welt da war und was

nicht: keine Sonne, kein Mond, keine Berge, nichts, allein

Gott, der seltsamerweise als

manno miltisto

‚der Menschen

Mildester‘ bezeichnet wird. Das „Muspilli“ handelt von den

letzten Dingen: dem Schicksal der Seele nach dem Tod, dem

Jüngsten Gericht, dem Kampf des Antichrist mit dem Pro-

pheten Elias. Die

uueroltrehtuuison,

die ‚Weisen in Sachen

Weltrecht‘, so heißt es, sind sich uneins über den Ausgang.

Die einen sehen Elias als Sieger und den Antichrist buch-

stäblich zum Teufel gehen. Die anderen vertreten die Auf-

fassung, dass Elias schwer verwundet wird. Von seinem

Blut gerate die Welt in Brand. Johann Andreas Schmeller,

der das Gedicht in einer Handschrift aus St. Emmeram ent-

deckt hatte, wählte das Wort

muspilli,

das einmal im Text

vorkommt, als Titel. Das Wort ist rätselhaft. Der wohl plau-

sibelste von mehreren Deutungsvorschlägen ist der, dass

muspilli

‚Mundverderben‘ bedeutet. Denn im Gedicht ist die

Rede auch davon, dass der Tote stumm ist und sich vor dem

Richter nicht mehr verteidigen kann. Doch jedes einzelne

Glied des Leibes, selbst der kleine Finger, gibt Rechenschaft

über die mit ihm begangenen Sünden. Lautliche Gründe

sprechen dafür, dass

muspilli

eine Wortanleihe aus dem

Niederdeutschen war.

Bayern hat mit Klosterzentren wie St. Emmeram in Regens-

burg, Freising, Tegernsee, Wessobrunn, um nur die wich-

tigsten zu nennen, erheblichen Anteil an der ältesten deut-

abwaschen