Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft # 06 - page 148

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WIDERSTAND GEGEN DIE NS-DIKTATUR
Gerngross (1915–1996) weniger präsente Beteiligte vorge-
stellt werden.
EBBA UND ROBERT VON WERZ – VERMITTLER
IN DER FREIHEITSAKTION BAYERN
Ebba von Werz, geborene Ottow (1919–1995), und Robert
von Werz Edler von Ostenkampf (1901–1969) waren vom
Staatsgut Hirschau aus im Dreieck München – Freising –
Moosburg für die Freiheitsaktion Bayern tätig. Der Medi-
ziner Dr. Robert von Werz war ab 1939 Wehrmachtsan-
gestellter im Forschungsinstitut für Luftfahrtmedizin der
Universität München, das 1943 auf das Staatsgut Hirschau
bei Marzling in der Nähe von Freising ausgelagert wur-
de. Die mit seinen Eltern befreundete Familie Ottow bat
Robert von Werz, die Tochter Ebba, die Verbindung zu
NS-Gegnern hatte, als Sekretärin anzufordern, um sie vor
einem anderweitigen Einsatz im militärischen Bereich zu
bewahren. Ebba Ottows Verlobter war 1942 gefallen, was
sie in Opposition zum NS-Staat gebracht hatte.
Bereits ab dem Sommer 1944 standen Robert von Werz
und Ebba Ottow über Leo Heuwing (1919–1969), den spä-
teren Verwaltungsdirektor des Deutschen Museums, in
Kontakt zur Münchner Dolmetscher-Kompanie, in der
Heuwing zu den führenden Köpfen der NS-Gegner zähl-
te. Ebba Ottow und Robert von Werz stellten um Ostern
1945 die Verbindung zu Major Alois Braun (1892–1963),
dem Leiter der Panzer-Ersatz-Abteilung 17 in Freising, her
und organisierten den Nachrichtenaustausch zwischen
München und Freising sowie den Gruppen imMoosburger
Kriegsgefangenenlager. Meist mit dem Fahrrad unterwegs,
brachten die beiden unter großer Gefahr Nachrichten nach
Moosburg, Freising und auch nach München. Der Gren-
zen des ganzen Unterfangens war sich Robert von Werz
sehr bewusst, wenn er im so genannten Hirschauer Tage-
buch schreibt: „… Die Unabwendbarkeit der kommenden
Ereignisse, die Einsicht in den verbrecherischen Entschluß
der Partei, um der elenden Selbsterhaltung willen bis zum
letzten Deutschen zu kämpfen, und unsere unbeschreib-
liche Ohnmacht gestalten unsere Lage wahrhaft verzwei-
felt. Wirklich gehört der Mut der Verzweiflung dazu, um
trotz der Winzigkeit unserer Gruppe und der Lächerlich-
keit unserer Hilfsmittel nicht von vornherein alles verloren
zu geben.“ (Eintrag vom 24.3.1945)
Auch wegen der Bombenangriffe der Alliierten in der letz-
ten Phase des Kriegs gestalteten sich die Kurierfahrten
und die Nachrichtenvermittlung innerhalb der Wider-
standsgruppe, die von München, Freising und Moosburg
aus agierte, zunehmend schwieriger. Dank der Aufzeich-
nungen, die Robert von Werz in seinem Tagebuch in dieser
Zeit ohne die Nennung von Namen führte, können diese
Ereignisse genau nachvollzogen werden – eine Abschrift
mit den später eingefügten Namen wird im Institut für
Das Medienkunstwerk „Memoryloops“ (
von
Michaela Melian verortet 300 deutsch- und 175 englischsprachige
Originaltöne von NS-Opfern und Zeitzeugen des NS-Terrors in Mün-
chen. Mit dem virtuellen Denkmal gewann Michaela Melian den
Kunstwettbewerb „Opfer des Nationalsozialismus – neue Formen
des Erinnerns und Gedenkens“, den die Landeshauptstadt München
2008 ausgelobt hatte. Die Tonspur 123, „Münchner Freiheit“, mit
einem Zeitzeugenbericht von Johann-Christoph Ottow, dem Bruder
von Ebba von Werz, gilt der Freiheitsaktion Bayern.
Das Ehepaar Ebba und Robert von Werz, um 1945/46.
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