Magazin : EDITION BAYERN Sonderheft # 06 - page 141

WIDERSTAND GEGEN DIE NS-DIKTATUR
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In der Bibliothek unseres Münchner Klosters St. Boni-
faz erinnern zwei Bilder an Hans Scholl und Alexander
Schmorell, die zusammen mit Sophie Scholl, Christoph
Probst und Willi Graf als Initiatoren der Widerstands-
gruppe „Weiße Rose“ 1943 vom Naziregime hingerichtet
wurden … Pater Romuald Bauerreiß, der Bibliothekar
unseres Klosters, schrieb in seinen Erinnerungen über
Hans Scholl: „Hätte ich Näheres gewußt über seine Plä-
ne … hätte ich ihn vor dem allzu gefährlichen Vorstoß
gewarnt … es war zweifellos eine Fehlspekulation, wenn
Hans und seine Freunde glaubten, die deutschen Stu-
denten würden allerorts aufstehen und sich der Bewe-
gung spontan anschließen.“ So haben wohl viele gedacht,
die später von ihren Unternehmungen hörten. Scholl und
dann auch Schmorell waren durch die Vermittlung von
Carl Muth, dem Herausgeber der katholischen Zeitschrift
„Hochland“, in die Bibliothek gekommen, um hier franzö-
sische und lateinische Autoren zu lesen. Vor allem hatten
sie sich für die Frage des Tyrannenmords interessiert und
Thomas von Aquin und Suarez konsultiert. Das zeigt, wie
sehr sie alle nach Wahrheit und Gerechtigkeit, nach einem
tieferen Sinn der Geschichte suchten. Darum suchten sie
das Gespräch mit Carl Muth und Theodor Häcker, mit
Prof. Kurt Huber, dessen Vorlesungen sie besuchten.
Diese jungen Menschen schauten auch nicht weg wie viele
Zeitgenossen vor der grauenvollen Wirklichkeit Hitlers,
„der die Juden zu Tode marterte, die Hälfte der Polen aus-
rottete, Rußland vernichten wollte“, wie Christoph Probst
in einem an Scholl übergebenen Flugblattentwurf schrieb.
Und das bewegte sie zur Tat. „Wenn niemand etwas tut,
dann tue ich etwas.“ (Christoph Probst). Das zeigte sich im
Entschluss, durch die Flugblätter die Kommilitonen und
das deutsche Bürgertum zum Widerstand aufzurütteln.
Und das zeigte sich auch in Kleinigkeiten. Hans Scholl
sagte im Gespräch zu unserem Pater Romuald angesichts
der Gefahr einer Klosteraufhebung: „Herr Pater, wollen Sie
die schöne Bibliothek den Nazis überlassen?“ Nach einigen
Überlegungen brachte er in Rucksäcken etwa zweihundert
wertvolle Werke zusammen mit Alexander Schmorell in
die Arztwohnung von dessen Vater in Harlaching.
Die Kraft, die mutige Tat durchzuhalten, kam aus der
Verpflichtung gegenüber einem höheren Anspruch, dem
Anspruch der Freiheit und der Menschenwürde, dem
Anspruch Gottes. Christoph Probst schrieb eine Stunde
vor der Hinrichtung, vor der er noch Taufe und Kommu-
nion empfing, an seine Mutter über sein Leben: „Wenn ich
es recht überblicke, war es ein einziger Weg zu Gott.“
Altabt Odilo Lechner OSB
Die Bibliothek der Abtei St. Bonifaz, um 1976.
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