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U

m den Herzog nicht zu verlieren, waren sie immer etwas

treuer gewesen als die Gothaer, die anderen Residenzler

im Doppelherzogtum Sachsen-Coburg und Gotha. Diese

hatten den Herzog tatsächlich abgesetzt, während er im

Coburger Landesteil nur erklärte, nicht mehr regieren zu wollen,

ohne jedoch offiziell abzudanken.

Der letzte Herzog,

Carl Eduard, war sozusagen ein britischer

Reimport. Groß war die Angst der Coburger, er würde dauerhaft

in Gotha Wohnung nehmen, als der gerade volljährige und frisch

verheiratete Enkel von Queen Victoria und Albert von Sachsen-

Coburg und Gotha 1905 in Coburg einzog. Denn Gotha war wohl-

habender, technisch voraus, lag verkehrsgünstiger und näher an

Berlin. Aber Carl Eduard entflammte alsbald für Coburg, ließ die

Veste von Bodo Ebhardt restaurieren und gab sich so kaisertreu

wie irgend möglich. Später war er dann hitlertreu, genauso wie

die Stadt selbst, wo die Nationalsozialisten 1929 die Mehrheit im

Stadtrat errangen und ab 1930 erstmals einen Bürgermeister in

einer kreisfreien Stadt stellten – den Sozialdemokraten hatte es

wenig genützt, dass sie den äußerst vorteilhaften Staatsvertrag

ausgehandelt hatten, mit dem das ehemalige Herzogtum Coburg

sich 1920 an Bayern band.

Noch heute wirkt

das alles nach, genauso wie die jahrzehntelan-

ge Lage im Abseits der innerdeutschen Grenze. Der Anschluss an

Bayern hatte die Coburger nach dem Ende des Zweiten Welt-

kriegs davor bewahrt, Teil der sowjetisch besetzten Zone zu wer-

den. Die Grenzlandförderung der alten Bundesrepublik schützte

die traditionelle Wirtschaft und förderte die neue.

Durch puren Zufall

ließ sich die„Haftpflicht-Unterstützungs-Kasse

kraftfahrender Beamter Deutschlands e.V.“ in Coburg nieder, die

heute als HUK-COBURG in Deutschland bekannter ist als die Stadt

selbst. Doch auch die große Arbeitsplatzdichte konnte nicht

verhindern, dass viele fortzogen. Heute ist Coburg eine alternde

Stadt: Die Vertriebenen, die nach dem Krieg hier eine Bleibe

fanden und die Bevölkerungszahl um ein Drittel steigerten,

haben zu Coburgs Aufschwung beigetragen – heute sind sie in

Rente. Außer der Versicherungsbranche und dem Maschinenbau

im weitesten Sinne gibt es nicht allzu viele Berufsmöglichkeiten

in Coburg, auch wenn die Kreativwirtschaft gerade an Boden

gewinnt. Etliche Fortgezogene kommen aber auch zurück, sobald

sie eine Familie gründen wollen. Denn Coburg hat die richtige

Größe: städtisch genug, um auch verwöhnte Großstädter zu-

friedenzustellen, aber klein genug, um übersichtlich zu bleiben.

Es gibt genug Kindertagesstätten, mit den vier nach Coburger

Herzögen und einer Herzogin benannten Gymnasien alle weiter-

führenden Schulen, zudem die ehemalige Fachhochschule, heute

Hochschule für angewandte Wissenschaften. Weil es daneben

kurzzeitig eine private Hochschule für Physiotherapie gab, weist

sich Coburg auf Verkehrsschildern stolz als„Hochschulstadt“ aus.

Denn so sind sie,

die Residenzler: Titel sind wichtig. Europastadt

ist Coburg auch, pflegt seine Partnerschaften allerdings unter-

schiedlich intensiv. Gerne wird aber darauf hingewiesen, dass die

Veste quasi geborene Europastadt sei, hat doch die frühere her-

zogliche Familie Verbindungen nach Schweden, Belgien, Groß-

britannien, Spanien, Bulgarien …Wer zählt die Länder, nennt die

Namen? Sogar der brasilianische Kaiser war hier zu Besuch.

Res idenzler: Der Spi tzname für di e Städter

i st im Coburger Umland nicht immer l i ebevoll

geme int. Mag Coburg auch se i t über 90 Jahren

ke in Herzogss i tz mehr se in – e in gewisser

Dünkel ist den Coburgern gebl i eben.

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geschichte