Background Image
Previous Page  5 / 90 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 5 / 90 Next Page
Page Background

sie im 19. Jahrhundert die sprichwörtli-

chen„Mehreren“ waren, also zahlreicher

als die Altbayern, weil die (Rhein-)Pfälzer

als Franken zählten.

Und die Franken waren verärgert, weil

die Altbayern in ihren Augen so taten,

als hätte sich Bayern nicht verändert.

Die Schwaben sahen dies ähnlich, einige

überlegten, ob man sich nicht besser

mit den Württembergern zusammentun

sollte. Daraus wurde jedoch nichts, weil

sich der Freistaat Bayern nach dem Zwei-

ten Weltkrieg zu einem herausragenden

Erfolgsmodell vor allem in wirtschaftlicher

Hinsicht entwickelte, der so genannte

Mythos Bayern. Es wäre auch zweifelhaft

gewesen, ob bei einer Separierung der

Schwaben alle Schwaben dabei gewesen

wären. Zumindest die Allgäuer hätten es

sich gründlich überlegt. Und damit sind

wir bei den Regionen angelangt, wie wir

sie in der EDITION BAYERN verstehen.

coburg

Mit dem Heft zu Coburg nehmen wir eine

Region in den Blick, die viele thüringische

Elemente in die bayerische Geschichte

einbringt. Zum Glück haben sich die

„Residenzler“, wie die Coburger mit Blick

auf ihre herrschaftliche Vergangenheit

auch genannt werden, 1920 in ihrer

Volksabstimmung nicht für das neue

Land Thüringen, sondern für den Freistaat

Bayern entschieden. Dieser hätte ande-

renfalls einige Besonderheiten weniger,

die das kulturelle und kulinarische Leben

bereichern. Und das betrifft nicht nur die

Coburger Bratwurst, die zwar zur großen

Familie der fränkischen Bratwürste zählt,

aber doch eine ganz eigene Spezialität ist.

Das Geheimnis liegt wohl in ihrer gut ge-

hüteten Gewürzmischung und insbeson-

coburg

bayern

edition

dere in den Kiefernzapfen, deren Glut den

Bratwürsten ein ganz besonderes Aroma

verleiht – und zugleich den prachtvollen

Coburger Marktplatz auch sensorisch

unverwechselbar werden lässt.

Eigenständigkeit und Selbstbewusst-

sein der Coburger werden in vielen

Bereichen sichtbar. So haben sie bei ihrem

Beitritt zu Bayern so gut verhandelt, dass

die einstige Residenzstadt viele Institu-

tionen beherbergt, die man sonst nur in

Bezirkshauptstädten findet. Zudem kann

sich der Freistaat dank der Coburger heu-

te mit seiner einzigen Landesbibliothek

schmücken. Hinter dem vertraglich fest-

gelegten Namen verbirgt sich die einstige

Fürstenbibliothek.

Die Coburger Landesstiftung ist heute

Eigentümerin des ehemaligen fürstlichen

Kulturguts. Während nach dem Ende des

Ersten Weltkriegs anderswo noch erbittert

um die Trennung von Privatbesitz und

Fiskalgut der abgesetzten Fürsten gerun-

gen wurde, gelang den Coburgern schon

1919 eine vergleichsweise unaufgeregte

Lösung, von der alle bis heute profitieren.

So übernahm der Freistaat die Veste, eine

der größten Burganlagen mit stauferzeit-

lichen Wurzeln. Ihr malerisches Aussehen

mit den begrünten Burghöfen hatte sie

allerdings erst zu Beginn des 20. Jahrhun-

derts erhalten. Hier sind auch wichtige

Teile der Kunstsammlungen, wie das Kup-

ferstichkabinett, die Waffensammlung,

die Glassammlung und die bedeutenden

Zeugnisse spätmittelalterlicher Plastik

und altdeutscher Malerei ausgestellt. Der

prominenteste Gast auf der Veste war

einst Martin Luther, der hier inkognito von

seinem Kurfürsten 1530 ein halbes Jahr

einquartiert wurde.

Dem Phänomen„Coburg in Bayern und

Europa“ spürte die Landesausstellung des

Hauses der Bayerischen Geschichte 1997

auf der Veste Coburg und auf Schloss Cal-

lenberg nach. Die Präsentation, die großes

Publikumsinteresse fand, beleuchtete die

Beziehungen des Herzogshauses Sachsen-

Coburg zu allen europäischen Thronen

und die politisch-historische Bedeutung

Coburgs von der Reformation bis heute.

Das heutige Coburg ist sogar noch fa-

cettenreicher, als es seine traditionsreiche

Geschichte vermuten ließe. Die feierfreu-

digen Coburger genießen Jahr für Jahr das

größte Sambafestival außerhalb Brasiliens,

das Schlossplatzfest wird Nordbayerns

größte Gourmetparty genannt, das Vogel-

schießen zieht nicht nur die Schützen an

und der„Coburger Klößmarkt“ bietet Speis

und Trank für Einheimische und Gäste.

Den Anstoß zu diesem Heft gab Hans-

Herbert Hartan, unser langjähriges Mit-

glied im Beirat des Hauses der Bayerischen

Geschichte. Als historisch interessiertem

und begeistertem Coburger war es ihm

ein besonderes Anliegen, dass auch seine

Heimatstadt in unserer erfolgreichen Rei-

he vertreten ist. Zu Dank verpflichtet sind

wir dem Koordinator des Heftes, Professor

Dr. Gert Melville, der als Vorsitzender

des Historischen Vereins von Coburg die

Innen- und Außenansichten dieser Region

im Blick hat. Michael Böhm vom Stadtmar-

keting Coburg hat uns bei der Zusam-

menstellung des Serviceteils unterstützt.

Im Haus der Bayerischen Geschichte gilt

der Dank Dr. Wolfgang Jahn und Evamaria

Brockhoff. ManfredWilhelm vom Büro

Wilhelm hat in bewährter Weise den Band

gestaltet.

Dr. Richard Loibl

Direktor des Hauses der Bayerischen

Geschichte

3

EDITORIAL