Seite 98 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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JOHANNES HAAG
D
ie Städte Augsburg und Kaufbeuren erinnern mit einer
„Johannes-Haag-Straße“ an den Begründer der deut-
schen Zentralheizungsindustrie. Das Lebenswerk und der
Erfolg des Maschinenbau-Ingenieurs und Unternehmers
Johannes Haag gründet sich auf Begabung und Pioniergeist in
Verbindung mit der Dynamik des industriellen Aufbruchs im
19. Jahrhundert. Geboren 1819 in Kaufbeuren, absolvierte Johan-
nes Haag nach Abschluss einer Zimmermannslehre bei seinem
Vater von 1835 bis 1838 ein Maschinenbaustudium an der Poly-
technischen Schule in Augsburg. Seine erste Anstellung führte
ihn nach Zürich zu der Schweizer Maschinenfabrik Escher,
Wyss & Co., wo er zuletzt in leitender Stellung tätig war. Von
Februar bis Juli 1844 wechselte er als technischer Direktor zur
Sander’schen Maschinenfabrik nach Augsburg, der späteren
MAN. Während eines Aufenthalts 1842 in der führenden Indus-
trienation England lernte er unter anderem die Perkin’sche
Heißwasserleitung und die Dampfheizung kennen.
In seiner Heimatstadt Kaufbeuren gründete Haag 1843 die
„Werkstätte für allgemeinen Maschinenbau und für die Her-
stellung von Zentralheizungen“. Hier entwickelte er die erste
zentrale Heißwasserheizung Deutschlands. Nach dem Probe-
lauf eines Prototyps im eigenen Haus in Kaufbeuren – so wird
berichtet – führte ihn sein erster Auftrag nach Sigmaringen,
wo er im Schloss der Fürsten von Hohenzollern-Sigmaringen
1844/45 die erste Zentralheizung Deutschlands einbaute. Ein
Empfehlungsschreiben des Erbprinzen von Sigmaringen vom
März 1846 brachte weitere Aufträge. 1852 verlegte Haag seine
Werkstätte in die Industriestadt Augsburg, zunächst an den Vor-
deren Lech. Bald folgte eine zweite, größere am Mittleren Lech
und 1857 wurde dann die Fabrik in der Bauhofstraße (heute
Johannes-Haag-Straße) erbaut. Das Unternehmen firmierte nun
als „Maschinen- und Röhrenfabrik Johannes Haag“.
MEHR ALS NUR ZENTRALHEIZUNGEN …
Der rasch wachsenden Nachfrage nach den neuen Zentralhei-
zungen kam Johannes Haag mit der Gründung von Fabrikfilia-
len in Berlin (1863) und Wien (1874) sowie Vertretungen in der
Schweiz, Italien, Russland und Skandinavien nach. Im Jahr 1870
zählte sein Unternehmen allein in Augsburg rund 500 Arbeits-
plätze. In der Fabrik wurde alles für den Bau und die Einrichtung
von Zentralheizungen Notwendige selbst produziert. Johannes
Haag entwickelte in der Folgezeit auch Fernheizungen, Warm-
wasserbereitungsanlagen für Schwimmbäder und öffentliche
Badeanstalten, Luftbefeuchtungs- und Lüftungsanlagen sowie
Dampfwäscherei- und Dampfkocheinrichtungen. In den Städ-
ten, in denen die Firma eine Niederlassung hatte, waren nahezu
alle öffentlichen Gebäude wie Ministerien, Museen, Kasernen,
Schulen, Universitäten, Bahnhöfe, Krankenhäuser, Sanatorien,
Waisenhäuser, Gefängnisse, Bankhäuser, Verwaltungsgebäu-
de und Industrieanlagen, insbesondere der Textilindustrie, mit
Zentralheizungen der Maschinenfabrik Haag ausgestattet. Auch
viele Adelige, Unternehmer, Professoren, Künstler ließen sich
ihre Villen und Wohnsitze mit Haag’schen Zentralheizungen
ausstatten, große Hotels, die Gewächshäuser der botanischen
Gärten und Universitäten, aber auch vieler Privatleute wur-
den mit einer Heizung der Firma Haag beheizt. Als besondere
Beispiele seien genannt: die Dampfyacht und das Palmenhaus
von Kaiser Franz Joseph von Österreich, der Wintergarten von
König Maximilian II. in der Münchner Residenz, die Salonei-
senbahnwaggons des bayerischen Königshauses, die königliche
Orangerie in Potsdam, die Blumenhalle und das Gewächshaus
von Prinz Albrecht von Preußen. Im Kurhaus in Wörishofen
gab es neben einer zentralen Heizungsanlage auch eine Spül-
maschine und im Rathaus von München sorgte eine Saug- und
Drucklüftung in den Sitzungssälen für „künstliche Kühlung der
Zuluft“ im Sommer. Die Universität München installierte Ven-
tilatoren von drei Meter Durchmesser zur Lüftung ihrer Räume.
Im Jahr 1876 erhielt das Psychiatrische Krankenhaus Merzig bei
Trier eine Fernheizung, andere Krankenanstalten folgten. Das
Heizungssystem im Krankenhaus München-Schwabing ver-
sorgte 25 Gebäude mit einem Netz von insgesamt 16 Kilometer
umfassenden Leitungen. Johannes Haag entwickelte auch einen
„Heißwasserheizungsbrodbackofen“ für den mobilen Einsatz in
Feldküchen. König Maximilian II. war davon so begeistert, dass
er die Bayerische Armee mit 140 Kochkesseln und 20 Küchen
ausstattete, die Preußische Armee gab 420 Militärkochkessel
sowie 60 Küchen in Auftrag und die Stuttgarter Intendantur
52 Kochkessel und sechs Küchen.
Wie viele Unternehmer seiner Zeit setzte sich Johannes Haag
intensiv mit der „sozialen Frage“, also den Arbeits- und Lebens-
bedingungen der Industriearbeiter, auseinander. Er begründete
für seine Belegschaft 1861, und damit 20 Jahre vor der Sozial-
gesetzgebung durch Bismarck, einen „Krankenverein“ sowie
einen „Sparkassenverein“. Johannes Haag war auch Mitglied im
Johannes Haag – Begründer der
deutschen Zentralheizungsindustrie
Stephanie Heyl