Seite 96 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ANGEWANDTE WISSENSCHAFT
Weltkriegs verhinderte jedoch eine seri-
enmäßige Fertigung, sodass die wenigen
erhaltenen Stücke heute zu den rarsten
Objekten ihrer Art zählen. Man stellte
die Produktion nun auf die Herstellung
von Schlagbolzen für Infanteriewaffen
um; bis zu 200 Personen, kriegsbedingt
vorwiegend Frauen, waren in dieser Zeit
bei Edelmann tätig.
EIN MANN FÜR BESONDERE
AUFGABEN – MAX EDELMANNS
WIRKEN IM ERSTEN WELTKRIEG
Max Edelmann hatte 1894/95 seinen
Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger
beim 1. Feldartillerieregiment „Prinzre-
gent Luitpold“ in der 2. Reitenden Batte-
rie geleistet. Er gehörte weiterhin der
Landwehr als Reservesoldat an und ab-
solvierte bis 1910 mehrere Einsatz-
übungen, die ihn zum Versorgungsunter-
offizier befähigten. Bei Kriegsausbruch
am 2. August 1914 zum Feldwebel er-
nannt, hatte er die Funktion eines stell-
vertretenden Feldmagazininspektors und
Kontrollführers, ab Frühjahr 1915 war
er Proviantmeister einer Feldbäckerei-
kolonne. 1916 wurde er in das Offiziers-
korps aufgenommen als Leutnant einer
Nachschubeinheit. Max Edelmann war
an der Westfront eingesetzt und nahm an
einer Reihe von Schlachten – unter ande-
rem an der Somme und vor Verdun –
und Stellungskämpfen teil. Erfahrungen
aus dem Stellungskrieg waren es, die
ihn dazu veranlassten, seine Kenntnisse
auf dem Gebiet der Physik nutzbringend
für militärische Zwecke einzubringen.
Sobald feste Frontlinien entstanden,
wurde versucht, die gegnerischen Linien
zu unterminieren und darin mit Spren-
gungen Breschen zu schlagen, um größe-
re Angriffsbewegungen auslösen zu kön-
nen. Edelmann konstruierte zur Abwehr
solcher Angriffe eine Vorrichtung, die
das Abhören und genaue Lokalisieren
von Miniergeräuschen zuließ. Einer
unterirdischen Annäherung konnte man
damit wesentlich früher und gezielter
begegnen. Etwa 1200 solcher Geräte fan-
den an der Westfront Verwendung. Edel-
mann versuchte sich – auf der Grundlage
eines in der Augenheilkunde verwende-
ten magnetischen Apparats – auch an
einem medizintechnischen Gerät, das
zum Entfernen von eisernen Spreng-
stücken dienen sollte; Bombensplitter
waren eine der häufigsten Verletzungen,
EDELMANN’SCHE MEDIZINTECHNIK –
DER ELEKTROKARDIOGRAF,
WELTWEIT ANGEWANDT
Nach dem Ende des Krieges 1918 wur-
de bei Edelmann wieder die ursprüng-
liche Fertigung aufgenommen, wobei
insbesondere ein Apparat fortentwickelt
wurde, der sich in der Medizin als bahn-
brechend erweisen sollte: der Elektrokar-
diograf. Mit ihm konnten Aktionsströme
des Herzmuskels registriert und gemes-
sen werden, womit ganz neue Möglich-
keiten in der Herz-Kreislauf-Diagnostik
und -Therapie eröffnet waren. Edel-
manns Fabrik hatte bereits um 1903 mit
der serienmäßigen Herstellung begonnen
und als erste solche Apparaturen auf den
Markt gebracht. Einer der beiden Haupt-
bauteile, der bei Edelmann seit Langem
hergestellte Galvanometer, wurde im
Zusammenwirken mit dem Erfinder der
Elektrokardiografie, Willem Einthoven,
in einer neuen Variante entwickelt, die
entscheidend für den Erfolg des bis heute
unentbehrlichen EKGs war. Anfang der
1930er-Jahre verwendeten die meisten
Hochschulen und Gesundheitsfürsorge-
einrichtungen Elektrokardiografen aus
dem Hause Edelmann – und dies auf der
ganzen Welt. In einer bedarfsgerechten
kleineren Version fanden sie bald auch in
Arztpraxen Verbreitung.
ZWEITER WELTKRIEG
UND NEUANFANG
Die Edelmann’sche Werkstätte beschäf-
tigte in den 1920- und 1930er-Jahren
rund 25 Mitarbeiter, unter ihnen jeweils
ein Dutzend Lehrlinge. Die Indus-
trie- und Handelskammer München
beschreibt die Firma 1940 als „älteren,
kleinen, sehr ordentlichen Betrieb, wel-
die die Soldaten erlitten. Diese Initiati-
ven machten das Kriegsministerium auf
den Leutnant aufmerksam. Er wurde als
Referent der Abteilung 6 des Kriegsamtes
nach München versetzt. Seine Aufgabe
war es nun, in Bayern die Versorgung
mit Kohle zu organisieren und sicher-
zustellen. Im Lauf des Jahres 1916 hatte
sich in Deutschland eine zunehmende
Kohleknappheit bemerkbar gemacht, die
die Kriegsindustrieproduktion gefähr-
dete. Ursache dafür war weniger eine
geringere Rohstoffförderung als vielmehr
unzureichende Verteilungskapazitäten.
Es fehlte vor allem an Lokomotiven und
Waggons sowie an Arbeitskräften, die
Verkehrswege waren ohnehin überlastet.
Auf den Versuch der Industrie, steuernd
einzugreifen, reagierte der Staat mit der
Übernahme dieser Aufgabe, die nun in
die Kriegsrohstoffbewirtschaftung ein-
bezogen wurde. Leutnant Edelmann
setzte sich als Leiter des in Bayern hier-
für geschaffenen „Kohlenausgleichs“
nachdrücklich dafür ein, dass nicht nur
die Industrie, sondern entgegen ande-
rer Auffassung auch die Bevölkerung zu
versorgen sei. Um dem zunehmenden
Kohlemangel zu begegnen, wurde die
Ausweitung der Torfgewinnung für den
Hausbrand überlegt. Von August bis
November 1917 fertigte Edelmann eine
Bestandsaufnahme sämtlicher Moore in
Oberbayern und Schwaben an. Obwohl
die meisten der rund 550 Flächen als
abbauwürdig befunden wurden, nahm
man von dem Plan, der zu viele Arbeits-
kräfte erfordert hätte, Abstand. Max
Edelmann wurde Anfang 1918 zur Fun-
kertruppe in München versetzt.
Einen Schwerpunkt in der medizintechnischen Produktpalette bildete der im Lauf der Jahre
immer weiter entwickelte Elektrokardiograf.