Seite 91 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ARBEI TERLEBEN
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Wilhelm Raiffeisen, Die Darlehnskassen-Vereine, 1866
Hermann Schulze-Delitzsch, Die Genossenschaftsbewegung, 1867
Georg von Vollmar, 1894
„Die in vielen Gegenden auffallend zunehmende Verarmung der ländlichen Bevölkerung erheischt
kräftige Abhilfe. Erfahrungsgemäß ist dazu zweierlei nöthig: Geld und die Kenntnisse, solches mög-
lichst nutzbar anzuwenden. Die nöthigen Kenntnisse werden erlangt durch zweckentsprechenden
Unterricht; das erforderliche Geld kann nur durch Vereine beschafft werden. Die hier vorgeschlagenen
Vereine gründen sich auf die unbedingteste Selbsthilfe.“
(Raiffeisen, Wilhelm: Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen
Bevölkerung sowie der städtischen Handwerker und Arbeiter, Neuwied 1866, S. 1)
„Dagegen war in Deutschland ein anderer Weg angezeigt, weil die für England erwähnten wirthschaftlichen Uebelstände sich bei
weitem nicht in demselben Grade zeigten … Daher gewannen zunächst die Vereinigungen zur gemeinschaftlichen Beziehung der
Rohstoffe und Magazinirung fertiger Waaren zum Verkauf Seitens der Handwerker eines Faches hier Boden, so wie die Vorschuß-
und Credit-Vereine zur Beschaffung der nöthigen Geldmittel für kleine Gewerbtreibende und Arbeiter aller Art, denen sich der eigent-
liche Bankverkehr entzieht und Baarvorschüsse überhaupt nur schwer und zu sehr drückenden Bedingungen zu Theil werden …
Bereits konnten in demselben als nach seinem System operirende Genossenschaften in Deutschland
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Vorschuß- und Creditvereine,
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Rohstoff-, Magazin- und Productiv-Genossenschaften in einzelnen Gewerken,
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Consumvereine, also
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Vereine speciell nachgewiesen werden.“
(Schulze-Delitzsch, Hermann: Die Genossenschaftsbewegung, aus: Die Gartenlaube, Heft 12 (1867), S. 184 –187)
GENOSSENSCHAFTEN
Die Genossenschaftsbewegung stellt eine Reaktion auf die sozi-
ale Not des Industriezeitalters dar, sie verbreitete sich seit den
1860er-Jahren und war geprägt vom Grundgedanken der Hilfe
zur Selbsthilfe für die wenig begüterten Bevölkerungsschich-
ten. Die Spannbreite der Organisationen war groß: In den
Städten entstanden vor allem Bau-, Konsum- und Produktions-
genossenschaften. Am weitesten verbreitet waren Konsumge-
nossenschaften wie die heute noch bekannten Coop und Edeka.
Sie schufen günstige Einkaufsmöglichkeiten für ihre Mitglieder,
indem sie durch den Einkauf großer Mengen den Zwischenhan-
del ausschalten konnten. Der Grundgedanke war ähnlich wie
bei Aktiengesellschaften: Mit dem Erwerb von Anteilscheinen
wurde man Mitglied der Genossenschaft und hatte Anspruch
auf ihre Leistungen und auf eine Gewinnausschüttung. Hand-
werksinnungen bildeten Kredit- oder Rohstoffeinkaufsgenos-
senschaften, um bessere Konditionen zu bekommen. Großen
Erfolg hatten auch die Wohnbaugenossenschaften, die der Woh-
nungsnot in den Städten Abhilfe schaffen sollten. Gab es 1890
im Königreich Bayern 70 solcher Selbsthilfeorganisationen,
waren es zehn Jahre später bereits 300. Wie erfolgreich die
Genossenschaften waren, zeigt das Beispiel des Bauvereins der
Schuckert’schen Arbeiter: Ab 1896 beteiligte sich jedes Mitglied
mit 100 Mark, die man in Monatsraten abzahlen konnte. Sechs
Jahre später verfügte der Bauverein bereits über 36 Häuser und
288 Wohnungen in Fabriknähe, wobei der Geschäftsführer
Alexander von Wacker günstiges Bauland organisiert und die
Sicherungshypothek gestellt hatte.
Der Genossenschaftsgedanke war auch für die ländlichenGebie-
te attraktiv: 1869 wurden die ersten Genossenschaften auf der
Grundlage der Ideen von Hermann Schulze-Delitzsch in Neu-
stadt a. d. Aisch, Pocking und Schleißheim gegründet. Ziel war
die gemeinsame Kreditbeschaffung für Saatgut, Vieh oder Bau-
maßnahmen. Aber auch gemeinschaftliche Lagerhäuser und die
genossenschaftliche Anschaffung teurer landwirtschaftlicher
Maschinen waren speziell auf die Bedürfnisse der bäuerlichen
Bevölkerung zugeschnitten. Ab 1877 erreichte diese Hilfe zur
Selbsthilfe mit der Gründung der nach Friedrich Wilhelm
Raiffeisen benannten landwirtschaftlichen Genossenschaft ei-
nen größeren Verbreitungsradius. Die Genossenschaftsanteile
der Vereinsmitglieder beliefen sich hier pro Geschäftsanteil
auf einen Betrag zwischen drei und zehn Mark. 1893 entstand
die Bayerische Zentral-Darlehenskasse, die heutige Raiffeisen-
Bank, die dem vermehrten Kreditbedarf im Zuge der nun ein-
setzenden Mechanisierung der Landwirtschaft Rechnung trug
und die 1923 die Bayerische Warenvermittlung landwirtschaft-
licher Genossenschaften (BayWa) gründete.
„Industrie nur in und umMünchen, dazu ein paar mittlere Bergwerke,
die übrigen Werke in den Städten und auf dem Lande wenig bedeu-
tend, erst Anfänge. Alles übrige Land- und Forstwirtschaft, mittle-
re und kleinste Bauern, Großgrundbesitz verschwindend und ohne
politische Macht. Es existieren erheblich geringere Einkommensun-
terschiede als anderwärts, weniger Luxus und weniger Bettelarmut.
Kurz, die Verhältnisse sind einfacher und nicht so ins Extrem getrie-
ben. Infolgedessen ist geringerer Klassenhass, weniger gegenseitige
Absperrung, aber Verkehr auf gleichem Fuße vorhanden.“
(Kampffmeyer, Paul: Georg von Vollmar, München 1930, S. 95, zit.
nach Bauer, Dunst, S. 11)