Seite 90 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

Basic HTML-Version

88
ARBEI TERLEBEN
DIE ARBEITERBEWEGUNG
Auch wenn 1855 der Anteil der Arbeiter in der bayerischen
Bevölkerung lediglich 0,67 Prozent betrug, sahen sich immer
mehr Menschen zur Fabrikarbeit gezwungen, die vor allem
für Handwerker – ungeachtet der oft höheren Löhne und der
geringeren Abhängigkeit vom Meister – einem sozialen Abstieg
gleichkam. Die Veränderungen in der Arbeitswelt der Fabriken
schufen auch neue Formen des Protests, wobei die Wurzeln der
Arbeiterbewegung im lang tradierten Verhaltensrepertoire der
Handwerker liegen. Christliche Arbeitervereine und sozialde-
mokratische Organisationen versuchten mit unterschiedlichem
weltanschaulichem Hintergrund, die Lage der Arbeiter zu ver-
bessern.
Seit den 1860er-Jahren entstanden Gewerkschaften und Arbei-
tervereine unterschiedlichster politischer und konfessioneller
Prägung, vor allem in Nürnberg, Fürth, Augsburg und Mün-
chen. Nachdem 1863 in Leipzig der Allgemeine Deutsche Ar-
beiterverein gegründet wurde, kam es 1864 in Augsburg zur
ersten Gründung einer sozialdemokratischen Partei in Bayern.
Trotz der seit 1873 gewährten Koalitionsfreiheit hatten die in
Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Arbeiterpar-
tei organisierten Mitglieder mit Repressalien zu rechnen. Dies
galt vor allem für die Zeit zwischen 1878 und 1890, als die von
Otto von Bismarck erwirkten Sozialistengesetze strikt gegen
die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“
angewendet wurden. Dennoch konnten die Verfolgungsmaß-
nahmen nicht verhindern, dass der Nürnberger Karl Grillen-
berger 1881 als erster bayerischer sozialdemokratischer Abge-
ordneter in den Reichstag einzog.
Der Streik als Arbeitsverweigerung war das wichtigste Kampf-
mittel. Klassische Streikursachen waren die Forderungen nach
höheren Löhnen bzw. Arbeitszeitverkürzung. Um das individu-
elle Streikrisiko zu minimieren, organisierten sich die Arbeiter.
Angemeldete Arbeitsniederlegungen galten zwar seit 1869 als
legal, mussten jedoch ab 1872 von den Distriktpolizeibehörden
an die Münchner Königliche Polizeidirektion gemeldet werden
und wurden auch statistisch erfasst.
„An Streik, ja den laß i ma eigeh!
Aber eischränka tua i mi nöt!
Und wann i am Anger vorbeigeh,
Is d’Suppen vom Kloster net fett.
Mir gangst überhaupt mit dö G’setzer
von dö ehanan Streikkomitee,
z’Berlin is der Flugblattsetzer;
der schickert uns aber den Tee.
Koa Bier und nix Geistig’s mehr z’saufa!
Dös kinna dö Preißn entbehrn,
aber mir vom süddeutschen Haufa
kinna uns um de G’setzer net schern…“
(In: Die Große Glocke Nr. 47 vom 14. 10. 1910,
zit. nach Bauer, Dunst, S. 37)
Streiklied eines Münchner Arbeiters, 1910
Stadt
1840
1855
1871
1880
1890
1910
München
96000
132000
170000
230000
351000
596000
Nürnberg
47000
56000
83000
100000
143000
333000
Augsburg
37000
41000
51000
61000
76000
123000
Würzburg
27000
33000
40000
51000
61000
84000
Ludwigshafen
1500
2300
7900
15000
33000
83000
Fürth
15000
17000
25000
31000
43000
67000
Kaiserslautern
8000
10000
18000
26000
37000
55000
Regensburg
22000
26000
29000
35000
38000
53000
(Bott, Gerhard/Deneke, Bernward (Hg.): Leben und Arbeiten im Industriezeitalter.
Eine Ausstellung zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte Bayerns seit 1850 (Ausstel-
lungskatalog des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg), Nürnberg 1985,
S. 106)
Bevölkerungsentwicklung der acht größten bayerischen Städte 1840 –1910
Regierungspräsidentenbericht aus Schwaben, 1849
Regierungspräsidentenbericht aus Niederbayern, 1849
„Die besitzlose und arbeitende Klasse der Bevölkerung wollte und
will nur die möglichste Verbesserung ihrer Lage. Bei der niederen
Bildungsstufe, auf welcher sie steht, bei der geringeren Denk- und
Urteilskraft kümmerte sie sich wenig oder gar nicht um innere oder
äußere Politik und es ist deshalb gleichgültig, ob sie unter dieser oder
jener Staatsform lebt.“
(Untertan, S. 18)
„Unter den Fabrikarbeitern und teilweise auch unter den Handwerks-
gesellen… zeigte sich eine politische Tendenz insoferne, als auch die-
selben an den öffentlichen Vorgängen und Ereignissen in einer allem
Bestehenden feindlichen Richtung lebhaften Anteil nahmen und von
der Zeitbewegung eine ihremWohl förderliche Umgestaltung der Ver-
hältnisse erwarteten.“
(Untertan, S. 18)