Seite 9 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
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ersetzt wurde. Diese Energierohstoffe machten den Menschen
unabhängig vom laufenden Energiezufluss aus der Sonne, den
er bis dahin nur indirekt – hauptsächlich in Form von Bio-
masse – hatte nutzen können. Damit war eine Ausweitung der
Produktivität in bisher unvorstellbaren Größenordnungen
möglich. Denn der Mensch ist zu einer Ausdauerleistung von ca.
0,1 Kilowattstunden imstande, was 86 Kilokalorien entspricht,
wohingegen ein Kilogramm Steinkohle 7000 Kilokalorien und
ein Liter Rohöl rund 10000 Kilokalorien enthält. Ein Mensch
müsste also rund 116 Stunden arbeiten, um eine Arbeit zu leis-
ten, die mit der Energie von einem Liter Öl verrichtet werden
kann. Wenn man bedenkt, dass 2007 weltweit 3856 Millionen
Tonnen Mineralöl und 4782 Millionen Tonnen Steinkohle geför-
dert wurden, so bedarf die Feststellung, dass mit der Industri-
alisierung ein Quantensprung erfolgte, wohl keiner weiteren
Begründung.
Im Industrialisierungsprozess selbst lassen sich immer wieder
gleichartige Entwicklungsabläufe erkennen: Der stark expansi-
ven Anfangsphase eines Industriezweigs folgen Konsolidierung
und Stagnation, wenn die Phase seiner wesentlichen Innovati-
onen vorbei ist. Viele Anbieter stellen nun nahezu gleichwer-
tige Produkte her, sodass die Senkung der Produktionskosten
und das „Marketing“ entscheidend werden. Bei entsprechender
Nachfrage können solche „alten“ Industriezweige zwar – wie
etwa die Automobilindustrie zeigt – eine große wirtschaftliche
Bedeutung beibehalten, für die Dynamik der Wirtschaft aber
sorgen neue, entwicklungsfähige Branchen. So büßten jene
Industriezweige, mit denen die Industrialisierung ihren Anfang
nahm – die Eisen und Stahl erzeugende Industrie, die Textil-
industrie, der Maschinenbau, der Eisenbahnbau und die chemi-
sche Grundstoffindustrie – ihre Vorreiterfunktion gegen Ende
des 19. Jahrhunderts ein. Der relative Bedeutungsverlust dieser
Industriezweige – denn um einen solchen, und nicht um einen
absoluten, handelte es sich – hatte aber keine negativen Folgen
für die wirtschaftliche Gesamtentwicklung. Diese wurde ab den
1880er-Jahren vom Aufblühen der elektrotechnischen und che-
mischen Industrie bestimmt. Diese Branchen wiederum wur-
den in den 1940er-Jahren durch den riesigen Industriekomplex
abgelöst, der sich auf der Grundlage des Erdöls und des Verbren-
nungsmotors entfaltete. Die Motorisierung und die damit ein-
hergehende Massenmobilisierung haben die Welt nicht weniger
verändert als ein Jahrhundert zuvor Dampfmaschine und Eisen-
bahn. Dieser Schub setzte sich bis in die 1970er-Jahre fort, in
denen das Industriezeitalter sein Ende fand.
Mit der Industrialisierung war ein grundlegender Wandel aller
Lebensverhältnisse verbunden. Er nahm in der Arbeitswelt
seinen Ausgang, in der mit dem Einsatz der Dampfmaschine,
dem wichtigsten Transformator der fossilen Energie in mecha-
nische Kraft, gleichfalls eine Revolution stattfand: Die Werkstatt
wurde durch die Fabrik abgelöst. In ihr wurde mittels Maschi-
nen produziert, wozu der Produktionsprozess in viele einzelne
Arbeitsschritte zerlegt werden musste, die sich exakt in einen