Seite 89 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ARBEI TERLEBEN
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BEVÖLKERUNGSWACHSTUM – ANWACHSEN DER STÄDTE
Die wachsende Bevölkerung verteilte sich nicht gleichmä-
ßig auf das Land. Die Binnenmigration wirkte sich vor allem
auf die Städte aus. Viele Menschen aus den unterbäuerlichen
Schichten hielt nichts mehr auf den Dörfern. Was hatten sie
zu verlieren, die Knechte und Mägde, die nachgeborenen Söh-
ne, die nun in den Städten als ungelernte Arbeitskräfte ihr
Glück versuchten? Das sich rasch ausbreitende Eisenbahnnetz
bestimmte die Schauplätze des Städtewachstums. Im stark
agrarisch geprägten Bayern war bäuerlicher Nebenerwerb und
Fabrikarbeit jedoch durchaus kein Gegensatz.
ARBEITERSIEDLUNGEN
Die Wohnsituation in den wuchernden Vorstädten gab das Bild
einer „Ansiedelei von armen Teufeln, die instinktiv zusammen-
rücken, um sich warm zu halten“, wie der Schriftsteller Micha-
el Georg Conrad die ärmlichen Herbergen in den Münchner
Vorstädten beschrieb. Ziegeleien und Baustellen prägten das
Weichbild der großen Städte in Bayern. Die geduckten Häus-
chen, die uns heute romantisch erscheinen mögen, bedeuteten
drangvoll-enge Wohnverhältnisse in dumpfen, dunklen Räu-
men, in denen sich in der Regel mehrere Schläfer ein Bett teil-
ten. Viele Baufirmen ließen die neu gebauten Mietshäuser über
den Winter von Habenichtsen trocken wohnen – eine mehr als
zweischneidige Unterkunft. Eine Serie von Einstürzen der billig
gebauten Mietskasernen erregte in den 1870er-Jahren in Mün-
chen die Gemüter. Aber auch andere Gefahren drohten: Schwe-
re Erkrankungen der Atemwege, Diphterie und Tuberkulose
bedrohten die ohnehin geschwächten Menschen. Die schlech-
ten hygienischen Verhältnisse taten ein Übriges, regelmäßig
wurden die größeren Städte von Seuchen wie der gefürchteten
Cholera heimgesucht.
Fabrikarbeit und landwirtschaftlicher Nebenerwerb:
Der Spessart, 1905
Zinskasernen und Arbeiterquartiere, 1877
Geschäftsbericht des Deutschen Metallarbeiter-
Verbands, München 1909
„Der Arbeitsverdienst reicht nicht aus, die Familie ordnungsgemäß
zu ernähren, zu kleiden und ihr Wohnung zu geben. In der gegen-
wärtigen wirtschaftlichen Krise wird die Familie, der Grundstock des
gesamten Volkslebens, von den häßlichen Dämonen der Not und des
Elends geplagt. Krankheit und Arbeitslosigkeit, Elend und Siechtum,
das ist die Signatur unserer gegenwärtigen Wirtschafts- und Gesell-
schaftsordnung.“
(Zit. nach Bauer, Dunst, S. 103)
„In allen Arbeiterdörfern um Aschaffenburg deckt sich landwirt-
schaftlicher Besitz und Betrieb … Die vielfach geübte Mitbe-
stellung des dem Lohnarbeiter gehörenden Stückchen Landes
durch einen bäuerlichen Nachbarn hat ihre natürliche Grenze
darin, daß der Bauer sich nicht mehr Vieh hält, als er für sich
gebraucht, so daß die größte Zahl der gewerblichen Lohnarbei-
ter wenigstens die Ernte selbst vornehmen muß.“
(Wolff, H.: Der Spessart, Sein Wirtschaftsleben, Aschaffen-
burg 1905, S. 300 f., zit. nach Protzner/Guth, Alltags-
geschichte, S. 340)
„Die billigsten, deshalb auch schlechtesten Ziegelsteine wer-
den gekauft, gemauert oft von Leuten, die vor wenigen Tagen
auf anderen Bauten noch Taglöhner waren oder halbausge-
lernten Lehrjungen, die ihremMeister davongelaufen, weil der
größere Verdienst lockt, zumal alles im Accord geht … Zum
Mörtelmachen wird alles verwendet, was beim Grundgraben
nur durchs Gitter sich werfen läßt, die Kellermauern mit allem
möglichen Humus etc. hinterfüllt usf.“
(Zit. nach Schattenhofer, Michael: Die Bauentwicklung
Münchens, in: Münchner Stadtanzeiger 38/40 (1980),
S. 15)
„Am Nachmittag … hockt die Hanni in ihrer Kammer, hat die Tür
verriegelt und überzählt ihr Geld…Zufrieden betrachtet sie die Gold-
und Silberstücke, die Scheine …Sie räumt ihren Schatz wieder sorg-
sam zusammen, wickelt alles in ein Taschentuch, steckt es in einen
Strumpf, den sie gut zubindet, und verwahrt so ihr Gut … Ihre übrige
Habe sperrt sie in eine Truhe, auf die sie einen Zettel klebt mit der Auf-
schrift: Eigentum der Jungfrau Johanna Rumpl von Öd bei Schönau
in Bayern…,Jetz probier i’s amal z’Münka,‘ sagt sie; ‚und is’s z’ Münka
nix, nachha geh i auf Berlin, – und wenns da aa nix is, nachher roas’ i
ganz furt. Auf Amerika.‘…dann setzt sie sich ans Fenster und beginnt,
sich das Haar modisch zu richten und zu stecken. Darauf zieht sie ihr
blaues Festtagsgewand an … und macht sich also fertig zur Reise …
schaut zurück zu den drei Bauernhöfen … und geht dann rasch und
entschlossen ihren Weg dahin, der Bahn zu … Grau und trüb hängt
der Himmel … aber die Hanni … denkt: ‚Du bist mir guat trüab und
grob! Bis i auf Münka kimm, wird d’ Sunn scho wieder scheina! – Und
’s Glück aa!‘ “
(Christ, Lena: Die Rumplhanni, München 1916)
Stadtluft macht frei: München, Berlin, Amerika