Seite 88 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ARBEI TERLEBEN
„Der Alkoholismus ist eben auch ein Stück sozialer Frage und der
Alkoholist in vielen Fällen nicht der sündige Genußmensch, wie ihn
eine verkehrte Agitation zuweilen darstellt … Wir haben gesehen,
daß der chronische Alkoholismus, namentlich der unbemittelten
Klassen, nur im Zusammenhange mit den übrigen sozialen Verhält-
nissen richtig gewürdigt werden kann. Dem Arbeiter ist der Alkohol
zunächst weniger Genuß- als Belebungs- und Nahrungsmittel …Eine
wirksame Bekämpfung des Alkoholismus ist nur denkbar, wenn die
SOZIALE NOTLAGEN
Konjunkturschwankungen oder ein Überangebot von Arbeits-
kräften in manchen industriellen Sparten führten immer
wieder zu Arbeitslosigkeit, der manche Betroffene mit Aus-
wanderung oder der Flucht in den Alkohol begegneten.
Axt an die Wurzel des Uebels gelegt wird: Agitation und Widerstand
gegen gesellschaftliche Tyrannei in den Kreisen der Wohlhabenden,
Belehrung und Sorge für billige und ausreichende Ernährung in den
Schichten der Unbemittelten wird die Hauptsache sein.“
(Fuld, Alphons: Der Kampf wider den Alkohol, in: Beilage zur All-
gemeinen Zeitung München 219 (1899), S. 1ff.)
Ein Ausweg aus der Not? Die Auswanderung nach Amerika,
Joseph Wühr aus Hofern bei Kötzing, 1884/85
„Ich bin seit den Ersten Mai in Coloredo. Ich fare bretter von dem Walde. Hier
sind die Dampf Seg Mülen ale in den Waldungen. Ich fahre Alle Thage 1 Fur
Bretter auf die Eisen Bahn. Die Gegend ist hier steinig und bergig dieWaldungen
siend mehrere Hundert Meilenbreit …Die bufolo sind bereitz ale vernichtet das
was ihr heist Wielde Kihe und Wielde stire. In der Sohn ist drei Stunden under-
schid von hir und Neuorg es macht 9 Stunden von hir und Deutschland. …Wei-
ter kann ich dier Schreiben, daß dieses Jahr hir für jeden Menschen ein schlech-
tes ist … Jeder Mensch jamert und die reichersten Farmer leuen sich Geld. Ich
arbeite immer auf Kredikt … Wan du ein überiges Geld hast zum ausleuen so
schige es mir, ich gib dir recht gerne 5 Brozent den ich bekom von 8 bis 12.“
(Haller, R.: Alte Briefe aus Amerika, Grafenau 1981, Nr. 1 und 3, zit. nach
Protzner/Guth, Alltagsgeschichte, S. 347)
„Schon beim Eintritt legt sich dir das überall umhergestäubte Quecksilber auf die
Zunge, du verspürst bald einen widerlichen metallischen Geschmack im Munde. …
Nach allen Seiten spritzen und rollen die Quecksilberkügelchen … Die Arbeiter ath-
men es ein, es dringt in die Poren der Haut. …Der ganze Körper ist einem Quecksilber-
dampfbade ausgesetzt.“
(Schoenlank, Bruno: Die Fürther Quecksilber-Spiegelbelegen und ihre Arbeiter,
Stuttgart 1888, S. 135ff.)
„Wenn wirklich genügend Schutzvorrichtungen überall da angebracht
wären, wo sie nöthig sind, wenn die Arbeiter nicht durch eine übermäßig
lange Arbeitszeit so abgerackert, übermüdet und schläfrig würden, daß
man sich oft darüber wundern muß, daß nicht noch mehr Unglücksfälle
sich ereignen, wenn nicht ein drückendes Akkordsystem den Proletarier in
eine aufreibende Arbeitspein hineinpeitschte, wenn er nicht gezwungen
wäre, rücksichtslos bis zur äußersten Erschöpfung seiner Kräfte zu schaf-
fen, dann würde die eigene Unachtsamkeit einen verschwindend kleinen
Prozenttheil der Unfälle bilden.“
(Schoenlank, Bruno: Die Lage der arbeitenden Klasse in Bayern, Mün-
chen 1877, S. 13)
Der Kampf wider den Alkohol, 1899
Fürther Quecksilberspiegelbeleger, 1888
Arbeitsunfälle
Arbeitslosigkeit
„Er hungert nicht allein, auch seine Frau, seine Kinder
hungern, er empfindet und kennt die traurigen Folgen
des Hungerns und der Unterernährung…Seine Habe ist
verkauft oder versetzt, seine Freunde sehen ihn ungern
kommen; diese haben in der Regel selbst Mangel …
Jedem verlaufenen Hund, jedem verirrten Kätzchen
oder entflogenen Kanarienvogel wird Mitleid entgegen-
gebracht; man nimmt sie auf und gibt ihnen Nahrung
und Unterkunft. Einen hungernden Arbeitslosen meidet
man, man begegnet ihm mit Verachtung oder Hohn
und Spott.“
(Hermannsdörfer, W.: Aus den Erinnerungen eines
Arbeitslosen, in: März (1909), S. 534)
Jahresbericht des Arbeiter-Sekretariats, 1901
„Der Palier der Zimmerleute habe auf die Beanstandung
des Baukontrolleurs, das Tramlager so früh auf die Pfeiler zu
legen, gesagt, ‚das machen wir alleweil so’. Einmal hat der
Zeuge das Gerüst beanstandet (Angeklagter) Müller habe
darauf geantwortet: ‚Es ist gar net schad, wenn sich so a paar
Hund – gemeint sind Bauarbeiter – derfall’n’ “.
(Zit. nach Bauer, Reinhard: Im Dunst aus Rauch, Bier und
Volk, München 1989, S. 97)