Seite 87 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ARBEI TERLEBEN
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KOSMOS FABRIK
Das revolutionär Neue in der Arbeitswelt war der gleichmäßige
Takt der Maschinen. Nicht mehr die Bedingungen der Natur,
Wetter, Ernteertrag und das menschliche Arbeitstempo waren
bestimmend, sondern der genormte Arbeitstag mit streng
überwachten Vorgaben reglementierte den Tagesablauf in der
Fabrik. Die Menschen waren heute kaum mehr vorstellbaren
Risiken ausgesetzt, im Umgang mit hochgiftigen Substanzen,
vor allem aber bei der Arbeit an den mit Transmissionsriemen
betriebenen Arbeitsmaschinen, den gefürchteten „Riemen-
wäldern“, kam es immer wieder zu schweren Unfällen und
nachhaltigen gesundheitlichen Schädigungen. Seit Mitte des
19. Jahrhunderts versuchte man durch gesetzliche Schutz-
bestimmungen diese Risiken einigermaßen zu mindern.
18 ½ jährige Arbeiterin, Bezahlung im Tagelohn.
Wocheneinnahme
8,65 Mk.
Ausgaben:
Wohnung
1,40 Mk.
Mittagessen bei Verwandten (7 x Gemüse, Suppe, ein winziges
Stücklein Fleisch und Kaffee)
Nachtessen = Kartoffeln, Wurst oder Käse und
2,00 Mk.
Kaffee = 7 x 25 Pf.
1,75 Mk.
Brot für die Pausen = 7 x 10 Pf.
0,70 Mk.
Frühstück: Milch und Hausbrot = 7 x 8 Pf.
0,56 Mk.
Seife und Bügelkohlen
0,15 Mk.
Versicherungs- und Gewerkschaftsbeiträge
0,88 Mk.
Summe:
7,44 Mk.
Rest pro Woche 1,21 Mk.
Nie ein Tropfen Bier, in den Pausen nur trocknes Brot. Für Holz und Koh-
len zur Beheizung und für Kleidung bleiben wöchentlich nur 1,21 Mk.
Hatte ein Kind, das ihr gestorben ist; der Bursch hat sie verlassen. Möchte
einen soliden Burschen kennen lernen, mit dem sie zusammenhausen
könnte.
(Kempf, Fabrikmädchen, S. 179)
Budget einer alleinstehenden Münchner Arbeiterin
Versorgungsart
Zahl der Kinder
in Kinderbewahranstalten
553
durch Geschwister und Verwandte der Eltern
489
durch ältere Geschwister der Kinder
352
durch Kostfrauen
318
durch Nachbarn
213
durch den Vater
63
durch Dienstboten
40
mit an den Arbeitsplatz der Mutter genommen
20
unbeaufsichtigt
27
(Jahresberichte der kgl. Bayerischen Fabriken- und
Gewerbeinspektoren für das Jahr 1899, Oberbayern,
S. 10 f., zit. nach Frauenleben, S. 49)
Versorgung der Kinder von 959 oberbayerischen
Fabrikarbeiterinnen, 1899
Petition der Augsburger Textilarbeiter an König Max II.
Handgreifliche Konflikte Augsburg, 1911
Verordnung für die Arbeiter der C. Reichenbach’schen
Maschinenfabrik, 1846
„Die Arbeitszeit ist von Morgens 6 bis 12 Uhr und Nachmittags von
4 bis 7 Uhr, mit Ausnahme des Samstags, an welchem um 6 Uhr
Feierabend gemacht wird. Der Arbeiter hat sich, nachdem er in die
Fabrik eingetreten ist, sogleich an seine Arbeit zu begeben, außer-
dem eine Strafe von 6 kr. erfolgt. Wer 5 Minuten nach dem Läuten
nicht an seiner Arbeit ist, wird um 1 Stunde gestraft.“
(Archiv der MAN. Augsburg Nr. 264, zit. nach Protzner, Wolf-
gang /Guth, Klaus: Alltagsgeschichte und Alltagskultur in
Bayern, Kulmbach 1987, S. 328)
„In den hiesigen Baumwollspinnereien, Webereien, Kattundruckereien ist …
von jeher die Arbeitszeit von 5 Uhr Morgens bis Abends 7 Uhr festgesetzt …
Hinzu kommt, daß die Arbeitszeit in diesen Fabriken … überschritten wird.
Es gibt … Fabriken, welche wochenweise oft bis 8 Uhr Abends an Samstagen
sogar bis 11 Uhr Nachts arbeiten lassen. Jene Kinder und Arbeiter …, welche
ihr Domizil in den umliegenden Ortschaften haben … sind … genöthigt Mor-
gens schon um 3 Uhr aufzustehen. Bis die Arbeiter nach Hause kommen, wird
es neun Uhr und bis sie zur Nacht gegessen und ihre Ruhestätte aufsuchen
können wird es 10 Uhr. So bleibt diesen Arbeitern, wovon die Hälfte Kinder und
Weibspersonen sind, nur 5 Stunden zur nöthigen Ruhe.“
(Vom Untertan zum Staatsbürger. Die Bayerische Arbeiterbewegung seit
1848, hg. von der Georg-von-Vollmar-Akademie, München 2009, S. 18)
„Eine widerliche Szene spielte sich am Samstag vormittag
in der Mechanischen Spinnerei und Weberei am Sparren-
lech vorm. Kahn und Arnold ab. Infolge eines an sich
unbedeutenden Vorkommnisses wurde eine Arbeiterin
von dem Obermeister Sauter derart ins Gesicht geschla-
gen, daß sie zu Boden stürzte und das Blut aus Mund und
Nase strömte.“
(Zit. nach Plößl, Elisabeth: Weibliche Arbeit in Familie
und Betrieb. Bayerische Arbeiterfrauen 1870–1914,
München 1983, S. 258)