Seite 86 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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ARBEI TERLEBEN
„Wie lebt aber auch eine solche Frau? Von morgens früh bis abends spät ist sie angespannt. Da ist
z. B. eine Fabrikarbeiterin mit 4 kleinen Kindern. Um ½ 5 Uhr morgens beginnt ihr Arbeitstag, da
muß sie aufstehen, Feuer machen, Kaffee kochen, Fleisch und Gemüse für das Mittagessen vorbe-
reiten und beisetzen, die Betten machen. Um¾ 7 Uhr muß sie mit den Kindern aus dem Hause. Die
Kleinen werden in die Anstalt gebracht. Die Frau geht in die Fabrik, aus der sie um½ 12 Uhr vormit-
tags für anderthalb Stunden heimkommt. Nun wird das Essen gewärmt und verzehrt und dann
soviel häusliche Arbeit wie irgend möglich verrichtet. Um 1 Uhr beginnt wieder die Fabrikarbeit.
Nach Schluß derselben von neuem Hausarbeit.“
(Otto, Rose: Über Fabrikarbeit verheirateter Frauen, Stuttgart 1910, S. 284)
Fabrikarbeit verheirateter Frauen, 1910
„Die Zeit eilt und bald schellt es ½ 12 Uhr, Zeit zum Mittagkochen. Und ich muß es offen sagen, ich möchte oft lieber nichts
essen, als jetzt kochen. Natürlich muß alles vom Abend her schon vorgekocht und angerichtet sein. Aber oft brennt das Feuer
nicht und oft nicht das Gas, und nur ein Viertelstündchen später kommen noch sieben heim und wollen essen. Schnell wird es
hinuntergeschnabelt und alle Hände haben wieder viel zu tun, um den Tisch abzuräumen, ja manchmal reicht es noch zum
Geschirr abwaschen, dann geht es im Eiltempo wieder zur Arbeit.“
(Mein Arbeitstag – mein Wochenende, hg. vom Deutschen Textilarbeiterverband, 1928, S. 136 f., zit. nach Frauenleben
in Bayern. Von der Jahrhundertwende bis zur Trümmerzeit, hg. von der Bayerischen Landeszentrale für politische
Bildungsarbeit, München 1993, S. 43 f.)
Versorgung der Familie – eine Textilarbeiterin mit sechs Kindern, 1928
„Wozu werde ich wohl auf der Welt sein? Nur um täglich in die Arbeit
zu gehen und mein Brot zu verdienen …? Was haben denn wir Ar-
beitsleute auch Schönes auf der Welt als nur immer arbeiten, damit
die Höheren und die Aristokratie ein schönes Leben führen können.
Wir sind ja doch immer das Geringste auf Erden.“
(Kempf, Fabrikmädchen, S. 200)
Eine Münchner Fabrikarbeiterin (17 Jahre)
Eine Münchner Fabrikarbeiterin (18 Jahre)
Eine Münchner Fabrikarbeiterin (18 Jahre)
Fabrikarbeit verheirateter Frauen, 1910
„Nach dem Abendessen, das auch erst wieder von der Frau vorbereitet werden muß,
kommen all die kleinen und großen Verrichtungen, das Geschirr mußwieder gesäubert
werden, die Feuerung wird zurecht gemacht. Am Sonnabend wird das Zimmer gründ-
lich geputzt. So bringt ein Tag wie der andere Arbeit, von der kein Ausruhen ist. Etwa
alle 8 Wochen ist großer Waschtag. Entweder am Samstag abends, wo der Arbeitstag
dann erst um 1 Uhr nachts ein Ende erreicht oder am Sonntag.“
(Otto, Fabrikarbeit, S. 285 f.)
„Ich gehe Tag für Tag anmeine Arbeit, seitdem ich von der Schule
entlassen bin. Ich mußte auch schon vorher fest zu Hause mithel-
fen, weil wir viele Geschwister sind, und da kommt mir das Arbei-
ten nicht mehr hart an, weil ich es schon gewöhnt bin. Ich bin
schon fast 3 Jahre in einer Waschfabrik beschäftigt, habe zuerst
als Maschinenmädchen gearbeitet und seit ½ Jahr bin ich beim
Bügeln.“
(Kempf, Rosa: Das Leben der jungen Fabrikmädchen in Mün-
chen. Die soziale und wirtschaftliche Lage ihrer Familie, ihr
Berufsleben und ihre persönlichen Verhältnisse, Diss. Mün-
chen/Leipzig 1911, S. 201)
„Meine Jugendjahre waren nicht recht glänzend,
sondern mußte mir mein Brot schon früh verdie-
nen, zudem ich immer kränklich und schwächlich
war. Als ich aus der Werktagsschule kam, diente ich
1 Jahr in einem Geschäftshaus wie auch in Privat.
Da ich immerwährend Schmerzen hatte, fand ich
das Bürsteneinziehen praktischer… Wobei ich
dann meiner Mutter viel unter die Arme griff, damit
sie nicht so viel Kummer und Sorgen hatte über ihrer
Arbeit; denn ich half morgens von früh 5–½ 7 Uhr
und abends von ½ 7–10 Uhr.“
(Kempf, Fabrikmädchen, S. 201)