Seite 84 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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BAYERISCHE KOMMERZIENRÄTE – EIN FORSCHUNGSPROJEKT
wiederum das lokale Prestige der Kom-
merzienräte.
Wie ging es nach dem Ende der Monar-
chie weiter mit den Kommerzienräten?
Zunächst verbot die Weimarer Verfas-
sung alle Ehrentitel dieser Art. Doch ab
1923 begann die bayerische Regierung
erneut mit der Titelverleihung – bis es
das Reichsgericht 1929 verbot. In diesen
Jahren ernannte Bayern immerhin noch
695 Kommerzienräte und 115 Geheime
Kommerzienräte. Darunter waren viele
Titeljäger, die sich die Ehrung buchstäb-
lich erkauft hatten: Der Staat brauchte
Geld und hatte diesen Weg gewählt, um
Spenden aus der Wirtschaft, zum Beispiel
für soziale Zwecke, einzuwerben. Es ist
aufschlussreich, den Weg dieser großen
Industriellen und Kaufleute in der NS-
Zeit weiterzuverfolgen; die meisten tre-
ten der NSDAP bei und profitierten vom
NS-Regime. Wer jüdische Wurzeln hatte,
erlebte die Arisierung seines Betriebs,
musste ins Exil fliehen oder erlitt Verfol-
gung und Tod.
Der Blick auf die Kommerzienräte er-
möglicht einen besonderen Zugang zur
bayerischen Wirtschaftselite: Sichtbar
werden der rasante Aufstieg in der Prinz-
regentenzeit, die zunächst zögerliche,
dann nachholende Beteiligung an der
Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs,
der mühsame Neubeginn nach 1918 mit
Aufschwüngen und Einbrüchen – und
letztlich die Beteiligung etlicher wich-
tiger Wirtschaftskapitäne an Vorberei-
tung und Profit des Zweiten Weltkriegs.
Mit Signat vom 24. August 1885 ernannte König Ludwig II. mehrere Unternehmer, unter
ihnen Sigmund Schuckert, zu Kommerzienräten.