Seite 83 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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BAYERISCHE KOMMERZIENRÄTE – EIN FORSCHUNGSPROJEKT
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s begann mit dem Wittelsbacher Jubiläum von 1880: Kabi-
nettssekretär Friedrich von Ziegler, verheiratet mit einer
Tochter des Papierfabrikanten Haindl aus Augsburg, regte
an, den Titel „Kommerzienrat“ auch in Bayern einzu-
führen. In Preußen gab es ihn bereits seit Langem. Ludwig II.
stimmte zu. Nun konnten bayerische Wirtschaftsführer zu
Kommerzienräten, später auch zu Geheimen Kommerzienrä-
ten ernannt werden. Der Titel, ad personam verliehen, stand auf
Visitenkarten und er findet sich auf Grabsteinen. Der Kommer-
zienratstitel war für viele attraktiver als ein Adelsprädikat und
bis heute ist man stolz auf einen Kommerzienrat in der Familie.
Es verwundert nicht, dass 1882 Friedrich Haindl den Titel als
einer der ersten Industriellen erhielt.
Bayerische Kommerzienräte bildeten einen exklusiven Kreis, der
von König und Staat ausgezeichnet wurde. Über den Titel bestä-
tigten Monarch und Ministerium einem Wirtschaftsbürger,
dass er ein wohlhabender, glaubwürdiger und kreditwürdiger
Geschäftspartner war. Dies war symbolisch wichtig, aber auch
wirtschaftlich interessant. Man musste für den prestigeträch-
tigen Titel vorgeschlagen werden und es fand eine Bewertung
durch verschiedene staatliche Ebenen statt. Dies ermöglicht heu-
te einen Blick auf die Lebensläufe und Unternehmungen dieser
Spitze bayerischer Industrieller und Kaufleute, ihre politischen
Ämter, den Umgang mit ihren Arbeitern, die sozialen und kul-
turellen Aktivitäten und die Summen ihrer philanthropischen
Stiftungen. Die Gutachten lassen auch Aussagen zu über die Fra-
ge, wo diese bayerischen Wirtschaftsführer ihre Hauptaktions-
felder besaßen, sie zeigen ihre Herkunft und die Reichweite ihrer
beruflichen, gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten. Der
Staat seinerseits zog diese Wirtschaftselite näher an sich heran,
sie wirkten als Eisenbahnräte, Handelsrichter und als Gutachter.
Kommerzienräte waren gerade in kleineren Orten und Städten
oft „lokale Könige“: als die wichtigsten oder gar einzigen Arbeit-
geber, als Magistratsräte, als Vereinsvorstände und als Wohltä-
ter. Diese lokale Bedeutung wurde meist ergänzt durch regionale
und bayernweite Tätigkeit in den Industrie- und Handelskam-
mern, in Wirtschaftsverbänden, bei den besonders einfluss-
reichen Vertretern auch durch nationale oder gar internationale
Mitgliedschaft oder Führerschaft in Fachverbänden. So war der
Geheime Kommerzienrat Heinrich Roeckl (Handschuhe) über
30 Jahre lang Vorsitzender des deutschen Fachverbands der
Lederhandschuh erzeugenden Betriebe. Ähnliches galt für den
jeweiligen wirtschaftlichen Wirkungskreis. Hier werden Unter-
schiede zwischen der Herkunft aus den größeren Städten oder
aus kleineren Orten erkennbar. Tendenziell waren die Wirt-
schaftsbürger aus kleineren Orten stärker regional engagiert,
was an ihrem Spendenverhalten sichtbar wird.
Da die Unternehmer- und Unternehmensgeschichte bisher
Bayern meist links liegen lässt, ist hier vieles nachzuholen. In
mühsamer Kleinarbeit wurden von Karl-Maria Haertle aus
Amtsblättern über 2000 Kommerzienräte und Geheime Kom-
merzienräte erhoben. Zu den meisten von ihnen gibt es nun auch
biografische Details, es lassen sich Aussagen zu ihrer politischen
und wirtschaftlichen Tätigkeit machen, zu ihren Ämtern und
Aufsichtsratsposten – eine Fundgrube für die weitere Forschung.
Es gab übrigens unter all diesen Kommerzienräten nur eine
einzige wirkliche Kommerzienrätin: Lina Pfaff, Nähmaschinen-
fabriksbesitzerin aus Kaiserslautern, erhielt 1924 diesen Titel.
Das Projekt hat in Schwaben begonnen, doch es wird für die
anderen Regierungsbezirke fortgesetzt. Wichtig ist die Frage,
wie das besondere Verhältnis großer Unternehmer zum Staat
in Bayern aussah und umgekehrt des Staates zu diesen Unter-
nehmern. Dies ermöglicht dann auch Aussagen zur „sozialen
Bürokratisierung“ der bayerischen Wirtschaftseliten: Die Ori-
entierung an der Beamtenschaft kann man beispielsweise an der
kleinen, aber feinen Usance erkennen, dass sich die „Geheimen
Kommerzienräte“, also die Kommerzienratsaristokratie, ger-
ne als „Geheimrat“ titulieren ließen; Geheimrat war jedoch ein
Ehrentitel, den in Bayern oder Österreich nur höchste Beamte
erhielten.
Diese Wirtschaftsführer berieten den Staat und die Ministeri-
albürokratie in vielen Fragen, fanden dort aber auch für eigene
Anliegen offene Ohren. Mit Blick auf die lokale und regionale
Einbindung dieser Elite kann dies bedeuten, dass eben auf die-
sem Weg eine Eisenbahnlinie, ein öffentliches Gebäude oder
eine Garnison in den eigenen Ort geholt wurde. Dies stärkte
Bayerische Kommerzienräte –
eine wirtschaftsbürgerliche Elite zwischen
Wirtschaft, Staat und Philanthropie
Marita Krauss