Seite 8 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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VOM AGRARLAND ZUM POSTINDUSTRIELLEN WIRTSCHAFTSSTANDORT
verändert als in den zwei Jahrtausenden davor. Ursache dafür
sind zwei Entwicklungen, von denen schon jede für sich eine
Revolution darstellte: Die erste war die Ablösung der Empirie
durch die Wissenschaft, die zweite die Loslösung der Produk-
tion von nachwachsenden Rohstoffen. Bis weit ins 18. Jahrhun-
dert beruhte nahezu die gesamte Tätigkeit der Menschen auf
der Empirie, das heißt auf der Erfahrung. Alle Werkzeuge und
Gerätschaften, alle handwerklichen, landwirtschaftlichen und
sonstigen Verfahren und Techniken waren über Generationen
hinweg entwickelt worden. Mit der Aufklärung aber löste die
wissenschaftliche Erkenntnis die Empirie ab. Mithilfe der Natur-
wissenschaften begann man die Naturgesetze zu entschlüsseln
und auf diesen Erkenntnissen aufbauend entstanden völlig neu-
artige Verfahren, Vorrichtungen und Produkte. Seither gab und
gibt der Fortschritt der Naturwissenschaft der technischen Ent-
wicklung – und diese wiederum der wirtschaftlichen – Richtung
und Geschwindigkeit vor. Im Zuge der Industrialisierung lassen
sich dabei folgende Schritte ausmachen: der Ersatz menschlicher
und tierischer Arbeitskraft durch Maschinenkraft, die Ablö-
sung menschlicher Tätigkeiten und Fertigkeiten durch tech-
nische Anlagen, die Einführung von Herstellungsverfahren, mit
denen bei geringerem Arbeits-, Energie- und Rohstoffeinsatz ein
gleichwertiges oder höherwertiges Produkt erzeugt wird, und
vor allem der Ersatz organischer Rohstoffe durch anorganische.
Ihren gewaltigen Schwung erhielt die Industrialisierung durch
die exzessive Nutzung neuer Energiequellen. Die wichtigste
Energie war bisher die menschliche und tierische Arbeitskraft.
Von dieser war die landwirtschaftliche Produktion nahezu völlig
und die gewerbliche zum größten Teil abhängig. Weitere Ener-
giequellen waren Wasser- und Windkraft, vor allem aber Holz.
Holz war der mit Abstand wichtigste Energielieferant, ohne
die bei seiner Verbrennung freiwerdende Energie war mensch-
liches Leben nicht vorstellbar. In Form von Holzkohle war es
zur Erzeugung und Verarbeitung von Metallen unverzichtbar,
zudem war es universeller Werkstoff. Ob beim Haus-, Fahr-
zeug-, Schiffs- oder Maschinenbau, ob in der Landwirtschaft,
im Handwerk oder Gewerbe, nirgends kam man ohne Holz aus.
Es war daher auch der Holzmangel, der einer Ausweitung der
Produktion in der Neuzeit zunehmend Grenzen setzte – und das
galt besonders für die Erzeugung und Verarbeitung von Metal-
len, deren Bedeutung aber stetig zunahm.
Erst als Holz in einigen sehr energieintensiven Bereichen durch
fossile Energierohstoffe ersetzt werden konnte, war es möglich,
die Produktion unbegrenzt auszuweiten. Eine herausragende
Rolle spielte hierbei der Ersatz der Holzkohle durch Steinkohle
bzw. Koks vor allem bei der Gewinnung und Verarbeitung von
Eisen und Stahl, den wichtigsten Werkstoffen des Industrie-
zeitalters. Steinkohle war auch der bevorzugte Brennstoff der
Dampfmaschine, die zum Symbol der Industrialisierung wurde.
Diese ist somit untrennbar mit der Erschließung und Ausbeu-
te der fossilen Energierohstofflager verbunden, wobei die Kohle
in der Folge durch Erdöl und Erdgas ergänzt und zunehmend
Präsentation der Augsburger Kammgarnspinnerei in der Schwäbi-
schen Kreisausstellung 1886
Die Ansichten auf dieser und den folgenden Seiten zeigen ein anläss-
lich der „Bayerischen Landes-Ausstellung“ 1896 erschienenes Lepo-
rello, das die einzelnen Bauten auf dem Ausstellungsgelände wieder-
gibt.