Seite 77 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEPIONIERE IN BAYERN
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Emil Wilhelm
geb. am 4. April 1844 in Lichtenfels, gest. am 18. März 1919 in München
Der Sohn eines Lichtenfelser Kaufmanns absolvierte seine kaufmännischen Lehrjah-
re in einer Bamberger Kolonialwarenhandlung. Insbesondere der florierende Kaffee-
großhandel bot berufliche Aufstiegschancen, die Wilhelm ergriff. 1870 kaufte er die
von Franz Kathreiner gegründete Kolonial- und Farbwarenhandlung in der Münch-
ner Burgstraße. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Adolph Brougier konnte
sichWilhelm in den nächsten Jahren an einem steilen Aufwärtstrend erfreuen, denn
die sich im Zuge der Industrialisierung verändernden Konsumgewohnheiten ver-
sprachen große Gewinne. Die Firma
Kathreiner – Wilhelm und Brougier hatten
den alten Firmennamen beibehalten – war
Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Handel
von Kaffee, Gewürzen, Südfrüchten, Reis,
Kakao und Zucker die größte Kolonial-
warenhandlung des Kaiserreichs. Die Pro-
duktpalette wurde ständig erweitert, insbe-
sondere durch Surrogate, also günstige
Ersatzmittel teurer Produkte, wie etwa
Margarine und Malzkaffee. Das bekann-
teste Produkt und der Verkaufsschlager
schlechthin war der nach Pfarrer Kneipp
benannte Malzkaffee. Für diese bei Kathrei-
ner entwickelte Produktionsmethode wur-
de das Unternehmen zum päpstlichen Hof-
lieferanten ernannt.
Carl von Linde
geb. am 11. Juni 1842 in Berndorf, gest. am 16. November 1934 in München
Der Pastorensohn erhielt 1868 nach demMaschinenbaustudiumund der Tätigkeit bei der Lokomo-
tivenfabrik Georg Krauss eine Professur an der neu gegründeten Technischen Hochschule Mün-
chen. Sein Interesse galt vor allem der Kühltechnik, die für das Bierland Bayern von großer Bedeu-
tung war. Natureis zur Kühlung des Bieres und anderer Lebensmittel war teuer und oftmals hygie-
nisch nicht unbedenklich. Dank der finanziellen Unterstützung des Besitzers der Spatenbrauerei,
Gabriel Sedlmayr, gelang es Linde nach mehreren Rückschlägen, eine Kühlmaschine auf der
Grundlage von Ammoniakkältekompression zu konstruieren. Die Produktion von Eis- und Kälte-
maschinen bescherte der 1878 gegründeten Linde AG und der Maschinenfabrik Augsburg enormen
wirtschaftlichen Erfolg. Die Kältetechnik revolutionierte die Lebensmittelbranche, sie fand in den
Molkereien, Metzgereien und Schlachthöfen, der chemischen Industrie und auch im Übersee- und
Kolonialwarenhandel ihren Einsatz. Einem der bayerischen Leitgewerbe, der Bierbrauerei, kam die
neue Erfindung besonders zugute: Nach dem Umstieg auf industrielle Kältemaschinen zur Herstel-
lung des obergärigen Bieres konnten die Münchner Brauereien ihre Bierproduktion von 1,3 Millio-
nen Hektorlitern im Jahr 1880 auf 3 Millionen im Jahr 1900 steigern.
Carl Linde als Dozent in München
Das wandhohe Gemälde aus dem Rathaus Lichtenfels
zeigt den Unternehmer Emil Wilhelm in repräsenta-
tiver Pose zu Pferde.
Modell der 1876 von Carl von Linde ent-
wickelten Ammoniakkompressions-
kältemaschine