Seite 74 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEPIONIERE IN BAYERN
Georg Michael Pfaff
geb. am 1. Februar 1823, gest. am 30. Oktober 1893 in Kaiserslautern
Der Drechslersohn und gelernte Blechinstrumentenbauer Georg Michael Pfaff produzierte seit
1862 Nähmaschinen in Kaiserslautern, einem Zentrum der Nähmaschinenherstellung im links-
rheinischen Bayern. Georg Michael Pfaff ist ein Beispiel dafür, wie findige Handwerker die frühe
Industrialisierung mit ihren Innovationen be-
förderten. In seiner Werkstätte für Blasinstru-
mente tüftelte Pfaff seit den späten 1850er-Jah-
ren an einer mechanischen Imitation der Hand-
nähbewegung, wie dies Elias Howe und Isaac
Merritt Singer in den Vereinigten Staaten be-
reits gelungen war. Wegen der hervorragenden
Qualität seiner Produkte, aber auch aufgrund
der Bedeutung der Textilindustrie, die erstmals
die massenhafte Herstellung von Bekleidung
ermöglichte, konnte die Pfaff’sche Nähmaschi-
nenfabrik ihre Produktionszahlen von 250 Näh-
maschinen im Jahr 1868 innerhalb von 23 Jah-
ren verzehnfachen. Mit dem Einsatz von Näh-
maschinen in der Heimarbeit, die insbesondere
von Frauen ausgeführt wurde, und mit der industriellen Fertigung von konfektionierter
Massenware revolutionierte sich das Konsumverhalten der Bevölkerung, die oftmals die
billigere Konfektionsware den Produkten des örtlichen Schneiders bzw. der Störschnei-
der vorzog. Der Betrieb wurde ab 1917 von der Tochter Georg Michael Pfaffs, Lina Pfaff,
weitergeführt, der 1924 für ihre unternehmerischen und sozialen Leistungen als erster
Frau in Bayern der Kommerzienratstitel verliehen wurde.
Georg Michael Pfaff, Fotografie
Die erste Pfaff-Nähmaschine von 1862
Wilhelm Bauer
geb. am 23. Dezember 1822 in Dillingen, gest. am 20. Juni 1875 in München
Der gelernte Drechsler, der 1848/49 amDeutsch-Dänischen Krieg teilgenommen hat-
te, besaß eine ausgeprägte Neigung zum Tüfteln, wobei die Begeisterung für Technik
und Fortschritt, wie man auch an den Erfolgsromanen eines Jules Verne sehen kann,
Wilhelm Bauer, Fotografie um 1870
Funktionsmodell eines „Hyponautischen Apparats“, 1853 angefertigt
von Wilhelm Bauer, mit zugehöriger Transportkiste
durchaus in der Luft lag. Wilhelm Bauer entwickelte als Artillerist
detaillierte Skizzen für einen „Submarineapparat“, die er 1850 in ein
Unterseeboot, genannt „Brandtaucher“, umsetzte. Dieses älteste er-
haltene U-Boot der Welt sank schon beim ersten Tauchgang am
1. Februar 1851 aufgrund von Konstruktionsfehlern. Der Visionär und
U-Boot-Pionier Wilhelm Bauer, der sich in den folgenden Jahren uner-
müdlich für seine vorwiegend militärischen Zwecken dienenden
Unterwasserexperimente einsetzte und sich auchmit der Entwicklung
eines Luftschiffs beschäftigte, starb 1875 in ärmlichen Verhältnissen.