Seite 72 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIEPIONIERE IN BAYERN
Georg Haindl
geb. am 15. November 1816 in Ingolstadt, gest. am 11. Mai 1878 in Augsburg
Der Sohn eines Zollbeamten kaufte nach Absolvierung einer Lehre beim Regensburger Verlag Fried-
rich Pustet eine Papiermühle in Augsburg. Das rasch prosperierende Unternehmen profitierte von
der umsichtigen Firmenleitung, aber auch vom Lesehunger der Zeit: Erfolgsautoren wie der Lyriker
Emanuel Geibel oder der Romanschriftsteller Ludwig Ganghofer erzielten mit ihren Büchern Aufla-
gen in Höhe vonmehreren Hundertausend Exemplaren; insbesondere die weibliche Leserschaft wur-
de ein bestimmender Faktor auf dem Buchmarkt. In Bayern erhöhte sich die Zahl der Zeitungen von
74 im Revolutionsjahr 1848 auf 216 im Jahr 1880. Georg Haindl hatte mit der Spezialisierung auf
Zeitungspapier schon früh die Zei-
chen der Zeit erkannt. Mit dem Bau
von Werkswohnungen, zahlreichen
freiwilligen sozialen Leistungen für
seine Arbeiter, aber auch als Mäzen
und Sponsor wurde der Unterneh-
mer zu einer bedeutenden und prä-
genden Persönlichkeit der Augsbur-
ger Stadtgesellschaft. Nach einem
Großbrand im Stammwerk 1873
zog sich Georg Haindl weitgehend aus der Firmenleitung zurück, die nun sein
ältester Sohn Friedrich übernahm. Georgs Frau Elise hatte – höchst ungewöhn-
lich für eine Frau ihrer Zeit – eine General- und Spezialvollmacht für die
gesamte Geschäftsführung einschließlich der Rechtsangelegenheiten inne.
Georg Haindl, zeitgenössisches
Gemälde
Elise Haindl (vorne links), um 1900
Theodor von Cramer-Klett
geb. am 27. September 1817 in Nürnberg, gest. am 5. April 1884 in Aschau/Chiemgau
Vor seiner Heirat mit Emilie Klett, 1847, war der Lebensweg Theodor Cramers von vielen Auslands-
aufenthalten und verschiedenen Tätigkeiten im kaufmännisch-unternehmerischen, aber auch im
naturwissenschaftlichen Bereich geprägt. Binnen kurzer Zeit gelang es Klett dann, mit dem Bau
von Eisenbahnwaggons der Maschinenfabrik des Schwiegervaters, die er in „Maschinenbau-AG
Nürnberg“ umbenannte, zum reichsten Mann Bayerns zu werden. Die Firma erzielte mit Eisen-
bahnwaggons, Dampfmaschinen und im Brückenbau Schwindel erregende Umsätze. Technische
Pionierleistungen wie der Münchner Glaspalast oder die Rheinbrücke bei Gustavsburg, das groß-
zügige Mäzenatentum sowie das Engagement Cramer-Kletts im Banken- , Aktien- und Versiche-
rungswesen (Süddeutsche Boden-Kreditanstalt, Münchner Rückversicherung) ergeben ein beein-
druckendes Lebenswerk einer der wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten des 19. Jahrhunderts.
Nach wirtschaftlich schwierigen Zeiten infolge des Börsenkrachs und demTod Cramer-Kletts 1884
fusionierte der nachfolgende Firmenleiter Anton von Rieppel 1898mit der Augsburger Maschinen-
baugesellschaft zur MAN.
König Ludwig II. ließ den unter seinem Vater
angelegten Holzsteg über die Pöllatschlucht
durch eine – bis heute begehbare – filigrane
Eisenkonstruktion aus dem Haus der „Maschi-
nenbau AG Nürnberg“ ersetzen (Fotografie
von 1866).
Theodor von Cramer-Klett, porträtiert
von Franz von Lenbach, 1883