Seite 68 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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Der Straubinger Glasersohn bildete mit dem Unternehmer Joseph von Utzschneider und dem Mechaniker Georg
von Reichenbach zu Beginn des 19. Jahrhunderts das „herrliche Dreigestirn amHorizont bayerischer Industrie“. Am
Anfang des steilen Aufstiegs von Joseph Fraunhofer stand der Zufall: Als Vollwaise war Fraunhofer nach München
gekommen, umeine Lehre bei einemSpiegelmacher zu absolvieren. Als er den Einsturz des Hauses seines Lehrherrn
unverletzt überlebte, wurde Kurfürst Maximilian IV. Joseph auf ihn aufmerksam und ließ dem Geretteten Förde-
rung zuteilwerden. 1806/07 wurde Fraunhofer in das „Mathematisch-mechanische Institut“ zur Herstellung geo-
dätischer und astronomischer Instrumente aufgenommen, dessen Leiter er 1809 bzw. 1813wurde. Zugute kamdem
Institut die von Napoleon nach dem Einmarsch in München angeordnete Vermessung Bayerns, die erste systema-
tische Anlage eines Katasters, für die höchst präzise Messinstrumente benötigt wurden. Mit Aloys Senefelder,
dessen neuartiges Lithografieverfahren man für dieses große Unterfangen einsetzte, ist ein weiterer innovativer
Unternehmer aus Bayern genannt, der mit seiner Erfindung das Druckverfahren seiner Zeit revolutionierte. Im
Zusammenspiel von Handwerkswissen, Kapital und Wissenschaft setzte Fraunhofer neue Maßstäbe in der Optik
und der Feinmechanik. Von der Entdeckung der dunklen Linien im Sonnenspektrum, vom Glasschliff bis hin zur
Fertigung von innovativen Fernrohren und den dafür benötigten feinmechanischen Arbeitsgerätschaften wie der
Pendelschleifmaschine – die Vielseitigkeit Fraunhofers in seinem kurzen Leben ist beeindruckend.
Joseph von Fraunhofer
geb. am 6. März 1787 in Straubing,
gest. am 7. Juni 1826 in München
Simon von Eichthal
geb. am 11. August 1787 in Leimen, gest. am
28. August 1854 in München
In Anerkennung seiner Verdienste als Hoffaktor
war der Vater Simon von Eichthals, Aron Elias
Seligmann, von König Maximilian I. Joseph 1814
zum Freiherrn von Eichthal in den Adelsstand
erhoben worden – eine für jüdische Familien
außergewöhnliche Ehrung, die in Zusammen-
hang mit der Emanzipation des Judentums im
Gefolge der Toleranzgesetze von 1813 zu sehen
ist. Simon trat in die Fußstapfen des Vaters und
betätigte sich erfolgreich im Bankgeschäft. Ein
grundsätzliches Problem der Frühindustriali-
sierung war der Mangel an liquidem Kapital,
das man zum Bau von Fabrikanlagen und für
Firmengründungen benötigte. Die Lösung wa-
ren Aktiengesellschaften, die insbesondere im
Zusammenhang mit dem kapitalintensiven
Eisenbahnbau ersonnenwurden. 1830 eröffnete
die Münchner Effektenbörse, 1835 entstand mit
der Gründung der Bayerischen Hypotheken-
und Wechsel-Bank die erste Aktienbank im
Deutschen Bund. Aktionäre der ersten Stunde
waren König Ludwig I. und Privatbankiers wie
Eichthal, Rothschild und Hirsch. Simon von
Eichthal wurde der erste Direktor der mit einem
Eigenkapital von 10, später 20 Millionen Gul-
den ausgestatteten Privatbank. Die Bayerische
Hypotheken- und Wechsel-Bank stellte langfris-
tige Hypothekarkredite für Handel, Gewerbe
und Industrie zur Verfügung und bot Beratung
beim Börsengang von Unternehmen. Die Fami-
Die Fotografie nach einem verschollenen
Gemälde von Rudolf Wimmer zeigt
Joseph von Fraunhofer, der Joseph von
Utzschneider, Georg von Reichenbach
und Georg Merz das Spektroskop
demonstriert.
Die von Joseph von Fraun-
hofer entwickelte Pendel-
schleifmaschine, um 1810
Einladung an Wilhelm von Kobell zur Jagd
bei Baron Eichthal
Rechte: Münchner Stadtmuseum
lie Eichthal engagierte sich auch stark im sozial-
karitativen Bereich: Mit einer bedeutenden Fa-
milienstiftung finanzierten Simon von Eichthal
und sein Sohn Karl, der Mitbegründer der Baye-
rischen Vereinsbank, großzügig das Münchner
Städtische Krankenhaus und das Waisenhaus.