Seite 55 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
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von Sander, Buz und Riedinger zusammenfasste und ab 1898
eine Gemeinschaft mit der Maschinenfabrik Nürnberg bildete.
Das Fabrikgelände im Nordend umfasste im Jahr 1925 gigan-
tische 135 Hektar, auf denen 6000 Arbeiter tätig waren. Damals
bezifferte die MAN die hier produzierten Rotationsdruck-
maschinen mit 13000 Stück, die Pferdestärken der ortsfesten
und auf Schiffen installierten Dieselmotoren mit 900 000 und
die Anzahl der in Augsburg verfertigten Kältemaschinen nach
dem Prinzip Linde mit 3500.
An der MAN wird der Erfolg der Augsburger Industrie beispiel-
haft deutlich. Er war ausschlaggebend dafür, dass Augsburg
von 1830 bis 1916 seine Einwohnerschaft verfünffachte. Dieses
Wachstum musste verkraftet und bewältigt werden. Die Infra-
struktur war neu zu entwickeln, nicht nur was Straßen, sondern
auch was Bäder, Energieversorgung, Schulen oder Wohnanlagen
betraf. Diese gewaltige Leistung erbrachte in Augsburg – obwohl
die Führungselite aus der Wirtschaft kam und entsprechend
liberal eingestellt war – in erster Linie die Stadtverwaltung.
Selbst bei der Gasversorgung, die anfangs privatwirtschaftlich
organisiert war, wurde das Eingreifen der öffentlichen Hand
notwendig, offenbar weil sich die Stadt als Hauptabnehmer
nicht dem Preisdiktat der Wirtschaft beugen wollte. Wichtig
war Gas in der Straßenbeleuchtung, die in Großstädten um die
Mitte des 19. Jahrhunderts Standard wurde. In Bayern führten
sie die Stadtregierungen 1847 in Nürnberg, 1848 in Augsburg
und 1850 in München ein. Zwingende Voraussetzung dafür war
die Errichtung eines Gaswerks, das aus der Verbrennung von
Steinkohle Gas gewann. In Augsburg wurde ein solches in der
Johannes-Haag-Straße direkt neben dem SWA-Werk I Altbau
durch eine von den Bankhäusern Eichthal und Erzberger ini-
tiierte Aktiengesellschaft errichtet. Ein zweites Gaswerk folgte
1862/63 in der Badstraße, ins Leben gerufen wiederum von
Ludwig A. Riedinger. Der beleuchtete Teil Augsburgs war damals
auf den Stadtkern, also Karolinen- und Maximilianstraße sowie
den Dom-bezirk, beschränkt. Als die Beleuchtung auf weite-
re Straßen ausgedehnt wurde, außerdem einige Großbetrie-
be versorgt werden wollten, wurde die Anlage eines modernen
Gaswerks notwendig. Für die Beleuchtung und die Heizung von
Privathäusern gewann Stadtgas nur zögerlich an Bedeutung.
1907 kaufte die Stadt die beiden bestehenden Gaswerke, deren
Betrieb nur bis zur Fertigstellung des neuen am 31. Dezember
1915 aufrechterhalten wurde. Standort des neuen städtischen
Gaswerks war das jüngst eingemeindete Oberhausen in der
Nähe der Wessels’schen Schuhfabrik. Von den Verantwortlichen
wurde auf eine harmonische Gesamtwirkung der Bauten eben-
so Wert gelegt wie auf eine zweckmäßige, dem neuesten Stand
der Technik entsprechende Betriebseinrichtung, wie der leiten-
de Ingenieur E. Schilling im „Journal für Gasbeleuchtung“ 1917
anmerkte. Für die Architektur zeichneten die Gebrüder Rank
aus München verantwortlich.
Die Fernwirkung der Anlage bestimmten die riesigen Gasbehäl-
ter (Gasometer), in denen das gewonnene Gas gelagert und dann
in die Gasleitungen geschickt wurde. Die Gebäude für Technik
und Verwaltung waren in zwei Höfen zusammengefasst, domi-
niert vom Behälterturm (vor allem für Brauchwasser) mit dem
nördlich angrenzenden Generatorenhaus. Ihre Anordnung
erfolgte – wie bei der AKS geschildert – entsprechend dem Pro-
duktionsgang: von Westen nach Osten, beginnend mit Kohlen-
silos, Ofenhäusern und Koksaufbereitung auf der westlichen,
Kesselhäusern, Reinigeranlagen, Ammoniakfabrik und Teerver-
arbeitung auf der östlichen Seite in der Nähe der Gasometer.
Wichtig war bei der Gasgewinnung, dass die Verbrennungsener-
gie optimal ausgenutzt und dabei entstehende Nebenprodukte
gesammelt und einer sinnvollen Verwendung zugeführt wur-
Inserat des Städtischen Gas-
werks Augsburg-Oberhausen,
aus: Journal für Gasbeleuch-
tung und verwandte Beleuch-
tungsarten sowie für Wasser-
versorgung. Organ des Deut-
schen Vereins von Gas- und
Wasserfachmännern, Nr. 4,
27. 1. 1917 (Sonderdruck)