Seite 54 - EDITION Bayern : Industriekultur in Bayern

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INDUSTRIESTADT AUGSBURG
von maximal fünf jungen Fabrikarbeitern. Schließlich existierte
seit 1878 ein eigenes Speisehaus als „gesunder und behaglicher
Aufenthaltsort“, in dem die Belegschaft ihre mitgebrachten Spei-
sen aufwärmen lassen konnte, hinzu kam eine eigene Milchwirt-
schaft für die Bewohner der Kolonie, seit den 1930er-Jahren auch
ein eigenes Altersheim.
Die AKS hatte also eine beachtliche Fülle an sozialen Einrich-
tungen zu bieten, mehr als der Durchschnitt, aber auch nicht
so viel mehr, dass sie sich wesentlich von anderen Augsburger
Fabriken abgehoben hätte. Das Engagement von Kirche, Politik
undGewerkschaften, derWettbewerb umFachkräfte sowie sozial
verantwortungsbewusste Unternehmer wie Ludwig A. Riedinger
etablierten inAugsburg imVergleich zu anderenOrten hohe sozi-
ale Standards. Krankenversicherung, Pensionsfonds und Arbei-
tersparkassen waren hier schon vor der Bismarck’schen Sozial-
gesetzgebung die Regel.
Waren die Fabriken also dochWohlfahrtseinrichtungen? Sicher-
lich nicht; sie waren aber auch keine rücksichtslosen Ausbeuter.
Die Wahrheit liegt in der Mitte. Aus der Perspektive der Arbei-
terinnen und Arbeiter war Fabrikarbeit nie ein Zuckerschle-
cken, vor allem nicht in der Zeit der Frühindustrialisierung. Die
ungewohnte Disziplinierung und Rationalisierung zwang die
Menschen in eine Maschinerie, die für sie aus der Arbeitspraxis
in Handwerk und Landwirtschaft völlig ungewohnt war. Erheb-
liche Belastungen stellten die Arbeitszeiten dar: Vor 1869 betru-
gen diese an sechs Wochentagen 13 Stunden täglich, abzüglich
einer Stunde am Arbeitstag vor Sonn- und Feiertagen. 1889
verringerten die Fabrikherren die Arbeitszeiten auf elf, 1906 auf
zehn Stunden pro Tag, woraus sich eine Wochenarbeitszeit im
schlimmsten Fall von 77 und im besten von 59 Stunden ergibt.
In Zeiten der Hochkonjunktur konnte sie durch Überstunden
noch ausgeweitet werden. Hinzu kam der Weg zur und von der
Arbeitsstätte, der nur für die privilegierten Mieter von Werks-
wohnungen ein Katzensprung war. Für die Mehrzahl jedoch
stellten einfache Wegstrecken von ein bis zwei Stunden keine
Seltenheit dar.
Kaum zu bewältigen war die Situation für Mütter, die neben
ihrem Beruf Haushalt und Familie zu organisieren hatten, bis
weit nach dem Ersten Weltkrieg ohne die heute selbstverständ-
lichen technischen Hilfen. Diese Belastung wirkte sich erheblich
auf Gesundheit und Lebenserwartung der Frauen aus. Eine in
Augsburg in den der 1870er-Jahren durchgeführte Untersuchung
ergab, dass nur 18 Prozent der Arbeiterfrauen älter als 50 Jah-
re wurden, während es in den bürgerlichen Schichten mehr als
doppelt so viele waren. Dabei spielten natürlich auch die Arbeits-
bedingungen eine Rolle. Entscheidend aber für die Menschen
waren die Löhne, die im Maschinenbau vergleichsweise immer
hoch, in der internationalisierten, von hohem Preis- und Kon-
kurrenzdruck gekennzeichneten Textilindustrie immer nied-
rig lagen. In Krisenzeiten war das, was den Arbeiterinnen und
Arbeitern blieb, zum Leben zu wenig. Die Not machte sich in
Streiks Luft, die von den Augsburger Fabrikherren mit größter
Härte niedergeschlagen wurden.
Mit Freiheit in unserer Vorstellung hat das alles wenig zu tun.
Und doch ist es dieses Wort, das die Arbeiterinnen und Arbei-
ter selbst mit ihrer Lebenswelt verbinden. Der Schritt aus dem
Eltern- oder Herrenhaus, aus dem kleinen Handwerksbetrieb,
weg von der hausväterlichen Herrschaft oder Schlimmerem,
hinein in die Fabrik war ein Akt der Selbstbestimmung und
damit der Freiheit. Die Arbeiter hatten ihre eigene Standesehre
entwickelt, die sich in Arbeitervereinen manifestierte, so bei-
spielsweise im Trachtenverein der oberbayerischen Fabrikarbei-
ter in Lechhausen, die den Augsburgern auf ihrer Fahne stolz
den legendären Schmied von Kochel – auch er ein Symbol der
Freiheit – entgegenstellten. Die Arbeit in der Fabrik verband sich
mit einem Traum, den jeder träumen konnte, vom Aufstieg im
Beruf, von der Wohnung in der Werkkolonie, die man nicht von
ungefähr „Paradies“ nannte. Und wenn dieses Ziel nicht erreicht
wurde, so hatte man doch ein Stück Freiheit gewonnen. Oder
konnte sich das zumindest einreden.
Mit diesem sozialgeschichtlichen Exkurs, der sich aus der Be-
trachtung der Fabrikanlage der AKS ergab, sind wir bei unserem
Streifzug durch das alte Augsburger Industriequartier schon bei-
nahe ans Ende gekommen. Zu erwähnen bleibt die vornehmste
Augsburger Fabrik, die in allen Veröffentlichungen und Führern
an vorderster Stelle steht: die MAN, die die Maschinenfabriken
Auch die SWA kümmerte sich mit Säuglings- und Kinderheim um den Nachwuchs der Arbeiterschaft.